Im Interview: Pit Hartling

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„Ich liebe vor allem die Abwechslung“

 

Hallo Pit! Um meiner journalistischen Sorgfaltspflicht nachzukommen, möchte ich nach Thomas Fraps natürlich gerne noch weitere Fertige Finger zu ihren aktuellen Befindlichkeiten und zur Wahrnehmung ihres 25. Jubiläums befragen. Wie hast du dich denn dabei gefühlt?

Pit Hartling: Während des Finales im Theater Die Drehleier in München, zusammen mit Helge, Thomas, Jörg Alexander, Ben, Niko, Guido, Gaston und den anderen Gästen an diesem Abend, überkam mich eine kleine Welle nostalgischer Freude! Es ist sehr schön, nach 25 Jahren noch immer – oder zumindest wieder einmal – gemeinsam mit den Jungs auf der Bühne zu stehen. Ich habe das als einen ganz besonderen, kleinen Glücksmoment sehr genossen.

Was macht die Zahl 25 mit dir? Auch FISM Yokohama dürfte jetzt schon 25 Jahre her sein…

Ja, es ist verrückt! Da macht man einfach in aller Ruhe sein Ding, und – zack! – sind 25 Jahre rum! Vor allem fällt es mir auf, wenn ich mir anschaue, was die 16- und 17-Jährigen heute mit Spielkarten machen. Da schlackert man ja zum Teil mit den Ohren!

Wie und wo kannst du dir denn das Jubiläum “50 Jahre Gichtige Griffel Fertige Finger” vorstellen?

Haha, das planen wir dann, wenn es soweit ist, aber grundsätzlich hat man ja im Alter, was Comedy angeht, ganz andere Möglichkeiten! So manches, was von einem jungen Menschen ganz amüsant wäre, kann von einem altem sehr viel witziger sein. Ich habe neulich ein großartiges Foto gesehen, auf dem Mel Brooks, Carl Reiner und Dick van Dyke mit weit über 80 gemeinsam Grimassen schneiden – das finde ich schon eine ziemlich gute Zielvorgabe.

Wenn Thomas der “Zeigefinger” der Finger ist, welcher bist dann du? Der kleine Finger, der Linking-Ring-Finger oder der…?

Die Bezeichnung “Kleiner Finger” fiel tatsächlich das eine oder andere Mal. Aber das ist schon ok, zumindest bin ich nicht der Mittelfinger – das ist Guido!

Da zwei Fälle in der Boulevardpresse ja schon ein Trend und drei eine Massenbewegung sind, würde ich gerne mindestens noch einen weiteren Finger befragen. Du darfst bestimmen, wer das sein soll (Instant Stooging: Helge! Helge! Helge!) – und welche Frage ich ihm unbedingt stellen muss!

Klar, Helge! Frag ihn bitte, wann es denn jetzt endlich mit unserer großen Vegas-Tour losgeht, viel Zeit haben wir nicht mehr!

Prima, geht klar! Wahrscheinlich ist er gerade wieder in der Bredouille unterwegs. Aber was macht eigentlich Heinz, der kleine Schwerenöter? Er müsste ja so langsam mal in die Pubertät kommen…

Du, es ist ganz seltsam, aber im Gegensatz zu mir scheint Heinz kaum zu altern!? Vermutlich eine Stoffwechselsache. Andererseits war er halt auch immer schon ziemlich altklug, der kleine Scheißer.

Neben den Fertigen Fingern bist du ja auch Mitglied anderer langlebiger Kollektive, wie der Magic Monday Show im Kabarett „Die Schmiere“ oder beim Zauber-Dinner in Frankfurt. Welche Bedeutung haben diese für dich – ewiges Jugendlager, ruhiger Heimathafen oder kreative Testbühne?

Ich liebe vor allem die Abwechslung! So sehr ich es genieße, solo unterwegs zu sein, so sehr freue ich mich auch immer auf unsere Magic Mondays – die Show geht jetzt auch ins 20. Jahr – oder auch das „Metamagicum“ mit Thomas Fraps, immerhin seit 15 Jahren. Am ehesten kreative Testbühne sind für mich unsere Zauber-Dinner auf dem Schiff, vor allem, weil wir dort das Publikum in drei Gruppen aufteilen. Damit hat man dort die Gelegenheit, neue Nummern gleich drei Mal am Abend zu spielen – sehr, sehr nützlich!

Vor vier Jahren waren Denis Behr und du die deutschen Mitbegründer des internationalen Kollektivs Half Half Man. Nach einem sehr ambitionierten Start mit ausgewählten Produkten und hochwertigen Publikationen ist es dann bald ruhiger geworden. Lebt das Projekt noch?

Das scheint für viele so gewirkt zu haben, aber tatsächlich kann von „Mitbegründern“ oder gar „Kollektiv“ keine Rede sein. Helder (Guimarães) hatte einfach sowohl Denis als auch mich wegen einer Kolumne für eine neue, geplante Zeitschrift gefragt. Einzeln hatten wir beide keine Lust, aber wir schlugen ihm vor, gemeinsam etwas zu machen, in Dialogform. Unsere einzige Bitte war „carte blanche“, sprich, wir wollten einfach über alles reden bzw. schreiben können, wonach uns gerade der Sinn stand. Und so haben wir es dann gemacht. Irgendwann schlief das Ganze ein. Und irgendwo muss noch unsere letzte, bisher unveröffentlichte Kolumne herumliegen.

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Schade drum! Kommen wir endlich zu den Kartensachen. In einem Podcast-Interview mit dir habe ich neulich gehört, dass 80 Prozent deines Broterwerbs tatsächlich Stand-up-Auftritte sind. Heißt das, du zauberst mit Karten eigentlich mehr für andere Zauberer als für Laien?

Karten kommen bei mir im professionellen Bereich vor allem bei formellen Close-up-Shows zum Einsatz, meinem sogenannten „Magic Circle“. Wann immer ich Anfragen für kleine Gruppen bis zu maximal 50 Personen habe, schlage ich dieses Format vor: Die Gäste sind in einem engem Kreis dicht um einen runden Tisch herum versammelt, dazu ein grüner Casino-Filz und zwei Scheinwerfer. Diese Situation mag ich sehr, und dort ist es auch, wo ich zum Beispiel Kunststücke aus Card Fictions und In Order to Amaze hauptsächlich vorführe.

Dazu noch der eine oder andere „normale“ Close-up-Auftritt, aber ansonsten gibt es Spielkarten bei mir in der Tat mehr auf Kongressen, bei Seminaren und Workshops, das stimmt. Und natürlich öffentlich, bei meinen sogenannten „Magischen Soiréen“ im Grandhotel Hessischer Hof hier in Frankfurt oder bei Close-up-Gastspielen in Spielorten wie Stephan Kirschbaums Wundermanufaktur, bei Jan Logemann im Magiculum in Hamburg, der Close-up Lounge Hannover etc.

Dein lange vergriffenes erstes Buch Card Fictions ist inzwischen ja wieder erhältlich. Die Liste deiner Veröffentlichungen ist im Vergleich zu einigen anderen Kartenprofis eher schmal, aber dafür werden deine praktisch durch die Bank weg hoch gelobt ob ihrer Originalität und Perfektion. Wie intensiv verfolgst du und wie bewertest du denn den fast täglichen Auswurf der heutigen Zauberindustrie mit Tricks, Decks, Moves, Gimmicks und Instant Downloads?

Ich muss gestehen, dass ich diesen „Markt“ fast gar nicht verfolge. Allein bei der Menge an Buchveröffentlichungen halte ich mich an das Motto „Mut zur Lücke“. Das ist allerdings weniger irgendeiner Skepsis geschuldet, als vielmehr ganz profanem Zeitmangel. Ich bin sicher, dass mir dabei auch viele tolle Ideen und Entwicklungen entgehen, und ich versuche gerade in den letzten Jahren, da wieder etwas genauer hinzuschauen.

Was würdest du sagen: Auf welche deiner eigenen Trickschöpfungen bist du am meisten stolz?

Stolz empfinde ich in diesem Zusammenhang eigentlich kaum. Man kann ja nichts dafür, dass einem etwas einfällt. Stolz bin ich, wenn ich zu Hause ausgemistet habe oder zehn Kilometer joggen war! Aber was die Kartensache angeht: Zu den „Dauerbrennern“ in meinem Repertoire gehören sicher „Amor“, „Feurio“, „Finger Flicker“, die O-Saft Gedächtnisdemo oder die Pokerformeln.

Aber manchmal habe ich auch gerade Lust auf ganz andere Sachen. Das liebste „Baby“ ist ja sowieso immer das aktuelle Projekt, aber was dann den Test der Zeit besteht und gewissermaßen „überdauert“, das weiß man ja ohnehin immer erst nachher.

Gibt es neben dem memorierten Spiel noch ein besonderes Karten-Steckenpferd für dich, also zum Beispiel Story-Tricks, Gambling-Routinen oder Gimmick-Karten?

Nicht wirklich, nein. Methoden sind ja nur Werkzeuge. Sie sind Mittel zum Zweck, und der Zweck ist der Effekt. Und was Effekte angeht, mag ich in einer Show eine gewisse Abwechslung: Mal eine Skill-Demo, mal ein mehr „unmöglichkeitsbetontes“ Kunststück, mal etwas sehr Lustiges, etwas zum Thema Casino und Gambling, mal ein leiser, langsamer Rhythmus, dann wieder schnell und interaktiv. Ob dabei ein gemischtes Spiel zum Einsatz kommt oder ein Memospiel, Psychologie, Mathematik oder Gimmicks oder eine Kombination aus allem, ist für die Wirkung und das Publikum erstmal kein Kriterium.

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Noch ein ganz anderes Thema, passend zu den meisten meiner anderen aktuellen Interviews: Du warst bereits im letzten Jahr zu Gast bei „Penn & Teller: Fool Us“, mit einer ganz starken Kartenroutine. Wie hast du die Show und die Gastgeber erlebt, und wie enttäuschst warst du womöglich, dass es nicht zu einer begehrten F.U.-Trophäe gereicht hat?

„Fool Us“ war eine rundum schöne Erfahrung! Die Produzenten hatten mich im Jahr davor schon einmal angefragt. Da ich aber zu diesem Zeitpunkt das Format nicht sehr gut kannte, hatte ich abgesagt. Ich glaubte zu wissen, dass es um eine Art Wettbewerb geht: Wenn du uns täuschst, hast du gewonnen, wenn nicht, haben wir gewonnen. Das fand ich die denkbar schlechteste Haltung für Zauberei.

Erst danach habe ich mitbekommen, dass das einfach eine kleine Mogelpackung von Penn und Teller ist, um zur besten Sendezeit gute Zauberei ins Fernsehen zu bringen. Das „Foolen“ oder nicht ist eher ein schönes Schmankerl, so dass sich eine größere Enttäuschung dort, glaube ich, wirklich für niemanden einstellt. Im Gegenteil: Es ist eine Freude zu erleben, wie dort alle an einem Strang ziehen, um möglichst gute Ergebnisse zu erzielen. In meiner Vorführung waren zum Beispiel diverse Kleinigkeiten daneben gegangen, so dass ich ein wenig improvisieren musste. Der Effekt und der Gesamt-Rhythmus waren davon zum Glück nicht groß betroffen, und die kleinen „Slalom“-Schlenker, die ich machen musste, wurden im Schnitt bereinigt.

Dabei ist das Konzept durchaus echt und ehrlich: Penn und Teller erfahren erst in dem Moment, wer ihnen da vorgesetzt wird, wenn man auf die Bühne tritt, und sie haben tatsächlich keinerlei Ahnung, was sie zu sehen bekommen werden. Ihre „Beratungen“ dauern live sehr viel länger, als am Ende zu sehen ist, aber ein Großteil dieser Zeit verwenden sie nicht um zu überlegen, wie die Methode war – das kennt man ja selbst: Entweder man ist getäuscht oder nicht -, sondern um die Texte für ihre „codierten“, verklausulierten Kommentare zu schreiben.

Überhaupt ist die ganze Sendung ein Kraftakt: Die Produktion geht über zwei Wochen, es sind ca. 200 Personen beteiligt, und an sechs Drehtagen werden 64 Acts aufgezeichnet plus 13 Penn & Teller-Nummern! Und dabei sind alle noch gut gelaunt und professionell. Sehr beeindruckend!

Mit einem Jahr Abstand — was hat dir dieser Auftritt persönlich, künstlerisch oder auch geschäftlich an Mehrwert gebracht? Und würdest du es wieder tun?

Handwerklich vor allem zwei Dinge: Die Erfahrung, wie es logistisch bei einer TV-Produktion dieser Art zugeht. Und die Erkenntnis, wie man Darbietungen für den Bildschirm „verknappt“ und auf den Punkt bringt. TV hat andere Gesetze als die Bühne.

Geschäftlich: Nix. Zwar meldeten sich die Produzenten von „America’s Got Talent“, aber die melden sich glaube ich bei jedem, und im Gegensatz zu „Fool Us“ weht da ein ganz anderer Wind. Vielleicht hätte man den Auftritt pressemäßig etwas ausschlachten können, aber das habe ich vergessen oder war zu faul!?

Wieder tun: Eindeutig ja. Das hat großen Spaß gemacht!

Schenkst du uns zum Abschluss bitte noch eine magische Weisheit oder ein Kurzgedicht des Lebemanns, Fußgängers und Kleinillusionisten Heinz?

Na, dann doch gerne beides:

Die große Weisheit (die nur so trivial klingt): Die wichtigste Fähigkeit für einen Zauberkünstler ist, die Dinge aus der Sicht der Zuschauer zu sehen.

Und, anlässlich der aktuellen tropischen Temperaturen, hier ein Zweizeiler zum Thema „Air Condition“: „Die Kühlanlage tat ihn stör’n. Er konnt’ die schon nicht mehr hör’n.“

Ich verrate aber nicht, was von mir und was von Heinz ist!

Großartig, ich glaube, das wird auch nicht nötig sein! Doppelten Dank, Pit und Heinz, für diese Perlen und all die persönlichen Einblicke, und euch weiterhin alles Gute!

(Interview: Jan Isenbart)


Hier geht es zur Website von Pit Hartling.

Hier ist Pit in einem recht aktuellen Podcast-Interview bei Vanishing Inc. zu hören.

Und hier sein letztjähriger Auftritt bei “Penn & Teller: Fool Us”:


 

Im Interview: Thomas Fraps

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Zauberer mit Hirn: Thomas Fraps (Bild: Gerald Huber)
„Wir zaubern einfach weiter, solange Zuschauer kommen“

 

Hallo, Thomas! Das Jubiläum „25 Jahre Zauberwochen“ in München liegt seit ein paar Wochen hinter dir und deinen Mitstreitern. Wie lief es denn so?

Thomas Fraps: Sehr gut! Wir hatten drei fast ausverkaufte Abende, unter anderem mit Guy Hollingworth und David Sousa als Special Guests und mit vielen Fertigen Fingern, die sich ja auch vor 25 Jahren zusammengefunden haben in der Ursuppe des Kellertheaters, das es mittlerweile leider nicht mehr gibt. Ein immenser Wasserschaden im Sommer 2017 und ein schwieriges Verhältnis mit dem Vermieter, der den Vertrag mit dem Pächter einfach nicht erneuert hat, haben dazu geführt, dass der Raum nach fast 40 Jahren jetzt nur noch ein Keller ist, ohne Theater.

Wer oder was war denn dein persönliches Highlight, aktuell und auch aus den 25 Jahren?

Oh, das ist schwer zu sagen, sicher aber, dass wir zum 20-jährigen Jubiläum Mac King für zwei Abende als Stargast der Zauberwoche engagieren konnten, und ebenso die Tatsache, dass vorher auch schon “Kollegen” wie Richard McDougall, Noel Britten, David Williamson, Max Maven, Gary Kurtz – zwei Mal! –, Juan Tamaríz und viele andere im Keller als Stargäste ein Soloprogramm gespielt haben. Und das auch noch zu “Freundschaftskonditionen” aufgrund persönlicher Bekanntschaften im Lauf der Jahre, meist durch unsere Auftritte als Fertige Finger. Die Jungs wussten also, aus welcher Ecke die Anfrage kam und worauf sie sich einlassen – plus natürlich die Münchner Biergärten als Bonusargument!

Daneben bietet Ihr beim Magic Monday auch immer wieder dem Nachwuchs eine Bühne…

Ja, es gibt viele junge Kollegen, die die monatlichen Termine nutzen oder genutzt haben, zum Beispiel als eine weitere Auftrittsmöglichkeit vor den Deutschen Meisterschaften. Thommy Ten und Amelie oder Luke Dimon etwa haben 2013 jeden Magic Monday mitgemacht, um an ihren Nummern zu arbeiten und um die kreative Ursuppe zu nutzen, die da seit 1994 köchelt. Wir wiederum als Gastgeber haben dafür tolle Nummern im Programm.

Im Fall von Luke Dimon fiel mir in einer Anmoderation übrigens plötzlich auf, dass er ja noch gar nicht geboren war, als wir zum ersten Mal die Magic Mondays veranstaltet haben! Da steht man dann mit einem lachenden und einem weinenden Auge vor schmunzelndem Publikum.

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Oh ja, tempus fugit! Dennoch, wie geht es denn 2020 und darüber hinaus weiter?

Wir zaubern einfach weiter, solange Zuschauer kommen, und versuchen die Magic Mondays weiterhin als Kreativlabor zu nutzen, also die Ursprungsidee fortzuführen: gemeinsam aufzutreten und sich gegenseitig Feedback zu geben, um Nummern oder Charaktere weiterzuentwickeln.

Du hast es erwähnt, zeitgleich mit dem Jubiläum der Zauberwochen gab es auch noch die sicher feucht-fröhlichen 25 Jahre Fertige Finger-Feierlichkeiten (FFFFF). Bei Paaren nennt man das Silberhochzeit oder Silberjoch – wie fühlt sich das in eurer offenen Gruppen-Beziehung an, außer vergänglich?

Das war ein schöner, gelungener Abend, zumal es auch mein 52. Geburtstag war! Wir haben einen der Abende des 25-jährigen Jubiläums offiziell als Fertige Finger gespielt und alte Team-Nummern reaktiviert, die wir zum letzten Mal 2015 im Magic Castle gespielt hatten.

Natürlich hat es auch nostalgische Anklänge, da wir alte Nummern wieder gebracht haben und aufgrund der anderen Lebensphasen wie vor 20, 25 Jahren. Wir haben einfach aus beruflichen oder privaten Gründen nicht mehr so viel freie Zeit für’s Proben, Rumspielen und Improvisieren wie damals. Entsprechend hatten wir auch nur ein paar Stunden am Nachmittag Zeit für die Proben und die “Rekonstruktion” der Nummern. Aber es war schön zu erleben, dass diese Nummern und wir als Team immer noch gut funktionieren.

Wo seht Ihr euch denn zum 50. Geburtstag? Große Gichtige Griffel-Matinee um 11 Uhr, direkt nach dem Mittagessen, im Ruhesaal des Geriatrikon in Baden-Baden? Oder doch noch einmal Magic Castle?

Alles zusammen! Ich kann es nicht genau sagen, aber schön wäre es natürlich, mit 77 Jahren nochmal einen gemeinsamen Auftritt vor ausverkauftem Haus hinzustellen und dazu ein paar neue Nummern im Gepäck zu haben…

Gibt es aktuell gemeinsame neue Pläne der Finger, auf die wir uns freuen können? Apps, Podcasts, Instagram-Stories, Netflix-Serien oder dergleichen?

Momentan reichen dafür leider die Zeit und Energie nicht aus, um alle Kollegen so zu synchronisieren, dass es kontinuierlich zu Treffen und Proben kommen könnte. Ich habe die (Chaos-)Truppe ja stets als “Zeigefinger” organisiert, und es gelingt immer mal wieder, die Kollegen für ein Spezialprojekt oder eben ein Jubiläum zusammenzurufen, aber das bedarf langer Vorlaufzeit und ist vor allem immer ein Freundschafts- und Hobbyprojekt, das aber organisatorisch fast professionellen Zeit- und Organisationsaufwand bedeutet. Diese Freizeit, die in meinem Fall dafür übrig war, ist jetzt seit einigen Jahren mit meiner Familie und ganz besonders mit meinem Sohn Max ausgefüllt.

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Noch ein ganz anderes Thema, Thomas. Du befasst dich seit Jahren auch intensiv mit der Verbindung von Hirnforschung und Zauberkunst. Was gibt es Neues aus dem Täuschungszentrum im Hirn zu berichten?

Auch hier bin ich aus zeitlichen Gründen nicht mehr so eingebunden wie früher und auch an keinem Experiment mehr beteiligt, verfolge aber die Aktivitäten weiter, so gut es geht. 2017 war ich als Keynote-Redner auf der ersten „Science of Magic“-Konferenz in London eingeladen, zur zweiten in Chicago in diesem Jahr habe ich es als reiner Besucher leider nicht geschafft.

Es gibt viele Veröffentlichungen in Form von wissenschaftlichen Fachartikeln mit Peer Review, die im Netz zu finden sind, und ein populärwissenschaftliches Buch von Gustav Kuhn, das gerade erschienen ist, Experiencing the Impossible. Sehr zu empfehlen für jeden, der wissen will, was da genau getrieben wird mit der Zauberkunst im Labor! Wirklich neue Erkenntnisse gibt es aus meiner Sicht allerdings für uns Zauberer noch nicht.

Teller hatte vor Jahren mal in der Hoffnung, etwas für die Zauberkunst zu lernen, mit Hirnforschern zusammengearbeitet, aber dann enttäuscht wieder aufgegeben. Man findet seinen Artikel dazu im Netz. Ich halte den Dialog zwischen Zauberkunst und Wissenschaft für wichtig und auf lange Sicht auch fruchtbar. Doch das ist sicher individuell sehr unterschiedlich. Ich denke, wir verstehen dadurch besser, auf welchen Wahrnehmungsmechanismen manche unserer Finten und psychologischen Techniken beruhen. Es hilft auch, ein tieferes theoretisches Verständnis dafür zu bekommen, vorausgesetzt, man ist überhaupt daran interessiert.

Sollte sich nicht jeder ernsthafte Zauberer hiermit auseinandersetzen?

Es ist für eine gute Vorführung oder Kreativität in der Zauberkunst nicht existenziell erforderlich. Um eine hinkende Metapher zu verwenden: Es hilft Ahnung zu haben von der Funktionsweise eines Motors, wenn man Rennen fahren will oder ein neues Auto bauen oder das eigene Auto im Alltag plötzlich Probleme macht. Aber natürlich kann man auch ein sehr guter Autofahrer sein ohne zu wissen, wie der Motor funktioniert, bzw. anderen die Reparatur überlassen.

Als Künstler ist ein intuitives Verständnis oft wichtiger als technische, psychologische oder wissenschaftliche Details, in denen man sich auch verlieren kann. Juan Tamaríz, David Berglas oder Derren Brown sind ja auch komplett ohne diese “Zauberwissenschaft” ausgekommen, ganz im Gegenteil, sie haben psychologische Werkzeuge entdeckt und Methoden für ihre Kunststücke selbst entwickelt, die die Wissenschaftler jetzt für ihre Zwecke untersuchen, um mehr über unsere Denk- und Wahrnehmungsmechanismen zu lernen. So gesehen lernt die Wissenschaft momentan noch mehr von der Zauberkunst als umgekehrt.

Mit deinem Wissen in diesem boomenden Zweig der Forschung: Welche menschliche Eigenschaft oder Unzulänglichkeit, die Täuschungen begünstigt, fasziniert dich eigentlich am meisten?

Da gibt es eigentlich keinen Favoriten oder Einzelfall, sondern es ist genau der Sachverhalt an sich, den du ansprichst, der mich am meisten fasziniert. Die Tatsache, dass Wissen nicht vor Täuschung schützt, dass die Evolution diese “Fehlwahrnehmungen” noch nicht ausgemerzt hat, sondern im Gegenteil die Fähigkeit zu täuschen fester Bestandteil der Evolution ist und zum Beispiel im Fall der Tiertarnung das Überleben ermöglicht. Die Fähigkeit unserer Wahrnehmung, ein und dieselben Sinnesdaten flexibel zu interpretieren und offen zu sein für alternative Möglichkeiten, ermöglicht es uns dann eben auch – ungefährliche – künstlerische Illusionen zu erleben.

Die Zauberkunst wiederum stellt hier für mich die schönste Anwendung dar, denn sie ist nicht einfach nur eine Illusion, die uns zum Beispiel parallele Linien als schief sehen oder einen Gorilla bei einem Basketballspiel übersehen lässt. Die Zauberkunst lässt uns etwas als real sehen und fühlen, das uns unser Verstand als „unmöglich“ meldet.

Und meine Vermutung ist, dass – egal welchen Wissenstand wir in 100 oder 1000 Jahren haben werden – die Zauberkunst immer möglich sein wird. Also Szenarien und Choreographien zu erschaffen, die uns unmögliche Illusionen erleben und im Idealfall fassungslos staunen lassen. Als Profi ist beruhigend zu wissen, dass die Grundlage unseres Berufes, Menschen zum Staunen zu bringen, auch für die nächsten Jahrhunderte gesichert ist.

Vielen Dank für das Gespräch, Thomas, und dir und den Fertigen Fingern weiterhin viel Erfolg!

(Interview: Jan Isenbart)


Hier geht es zu ausgewählten Texten von Thomas Fraps, und hier könnt Ihr ihn im “Magischen Podcast” Nr. 79 von Dominik Fontes und Daniel Dück hören!


 

Fertige Finger: 2x 25 Jahre

Ein doppeltes Jubiläum steht im Juni an: Dann ist es unglaubliche 25 Jahre her, dass die Münchner Zauberwoche in einem Schwabinger Kellertheater ihren Anfang nahm, und in dieser magisch-chaotischen Ursuppe formte sich auch die meisterliche Truppe der Fertigen Finger!

Gefeiert wird dies vom 25. bis 29. Juni, inzwischen im Theater Drehleier in München. Nähere Informationen zum Programm und Kartenreservierungen gibt es hier.

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We Blinded Them With Science

Recent years have seen a surge in scientific research around the hidden forces of deception. Names like Kuhn, Wiseman, Fraps, Martinez-Conde and Machnik come to mind. Soon, another book by Dr. Kuhn will appear on our bookshelf:

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Read more about it here.

BTW, the next Science of Magic Conference will be held in Chicago in July, more details to be found here.

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Täuschungen

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“Ich sehe, was ich denke, dass ich sehe.”

Unsere Sinne sind begrenzt und fehleranfällig. Unser Gehirn tut sein Übriges zu, dass wir nicht die externe Wirklichkeit wahrnehmen, sondern das, was wir für sie halten und in sie hinein interpretieren.

Ein faszinierendes Forschungsfeld – und eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, dass uns Zauberkünstler so trefflich täuschen und in die Irre führen können.


Marco Tempest ist “Wired”

04.09.10 High-Tech-Zauberer Marco Tempest ist mit einem ausführlichen Interview im amerikanischen Trendmagazin „Wired“ vertreten und spricht dort unter anderem über „Augmented Reality“ und seine Faszination für technische Spielereien. → http://www.wired.com/beyond_the_beyond/2010/08/augmented-reality-hanging-out-with-magician-marco-tempest/

WM der optischen Täuschungen

26.06.09 Neurowissenschaftler und Psychologen haben jüngst in Florida die besten optischen Täuschungen der Welt gekürt. Zu sehen und zu bestaunen sind sie hier: → http://www.foxnews.com/story/0,2933,520103,00.html

Magie mit Gehirn

26.05.09 Die Juni-Ausgabe von „Spektrum der Wissenschaft“ widmet sich dem Schwerpunktthema „Gehirn und Magie“. Thomas Fraps hat nicht nur an dem Heft mitgearbeitet, sondern ist ergänzend auf der Website mit mehreren zauberhaften Filmen vertreten, die eigens zu dieser Ausgabe produziert wurden.