Zauber in der Burg

Burgvariete

Varieté unter Sternen” hieß es dieser Tage wieder im Rahmen der Burgfestspiele Dreieichenhain. Als Zauberer unter Artisten und Wortakrobaten war Harry Keaton gebucht, der die voll besetzten Ränge der Freilichtbühne bestens mit Papier zu Geld, Münze in Flasche und seiner Version der Gefühlsbox unterhielt. Als neues Finale seiner Routine ergossen sich Dutzende Tischtennisbälle über die Bühne – ein buntes Bild zur Pause (siehe unten), das dann stimmig zum Finale des Programms wieder aufgegriffen wurde, als bunte Ballons ins Publikum flogen (siehe oben).

HarryKeatonBälle

 

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Im Interview: Boretti

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Lieber Boretti, vor fast 25 Jahren haben Sie die Gefühlsbox erfunden und erstmals in Ihrem Manuskript “And so on” veröffentlicht. Angeregt dazu wurden Sie seinerzeit, wie Sie schrieben, durch einen Trick eines ungenannten Zauberfreundes, der in einer Box eine Riesenkarte verwandelte. Wie wurde daraus dann die Gefühlsbox?

Boretti: Bei dem Zauberer, der mir seine Kiste schenkte, handelte es sich um den vor einigen Jahren verstorbenen Karlheinz Spindler aus dem Raum Freiburg. Es war eigentlich nur eine große Kiste mit Loch. Eine Doppelbildkarte wurde in das Loch gesteckt und “verwandelt” heraus gezogen – völlig unbrauchbar und zu simpel für ein Zauberkunststück. Herr Spindler hatte offenbar selbst gemerkt, dass dieser Effekt nicht der größte war und hat die Kiste neben anderen Requisiten an mich abgegeben.

Und dann?

Ich musste fast alle Requisiten entsorgen. Da die Box aber schön aussah, wollte ich sie nicht wegwerfen. Das Loch schrie praktisch danach, es als Eingriffsloch zu benutzen. Dann habe ich mir das Spiel mit den gegensätzlichen Begriffen – wie Schwamm/Stein und Seil/Stacheldraht – ausgedacht. Der Zuschauer sollte sich in seinen “Empfindungen” täuschen.

Und die Tricktechnik?

Die gab es noch nicht. Um eine passende Austauschmöglichkeit zu finden, kam ich dann auf die Idee, eine zweite Ebene unterhalb des Eingriffsloches einzubauen.

Entstanden ist dann eine dreiteilige Routine, die mit einem Kartenfinden endet. Warum dieses Finale?

Zunächst täuscht sich der Zuschauer ja zweimal. Zum Schluss sollte er aber als Star dastehen, indem er die von einem anderen Zuschauer gewählte Karte auf unerklärliche Weise findet. Das war mir sehr wichtig.

Ich liebe diese Art der Zuschauerspiele, sie sind immer noch meine Leidenschaft. So hat ja dann auch mein “Superquiz” seinen Siegeszug angetreten.

Wie hat Ihnen denn der Auftritt von Harry Keaton bei “Penn & Teller: Fool Us” gefallen?

Keaton hat das exzellent und souverän vorgeführt!

Und wie stehen Sie zu seiner Weiterentwicklung der Box?

Er hat seinerzeit meine Box gekauft und sie zwecks Änderung des Loches an Hakan Varol gegeben. Ihre Box ist sicher optisch wie technisch eine Modifizierung. Der Schieber lässt sich komplett herausziehen, und die Trickebene wurde zur Seite verlegt – bei mir ist sie ja oben.

Die nun kursierende Frage “Wer hat’s erfunden?” stellt sich also gar nicht…

Ich hab’s erfunden. Was meine Publikationen „And so on“ von 1995 und mein Buch Vorhang von 2013 dokumentieren.

Insgeheim freut es mich natürlich, dass meine Idee und Kreation und die Entwicklung der zweiten Trickebene nun den höchsten Ritterschlag von Penn Jillette erhalten haben! Er sagte, dass dies die beste Illusion sei, die er je gesehen habe.

Entscheidend waren natürlich nicht die Ausführung oder Konstruktion der Kiste, sondern insbesondere die Grundidee und die Effektfolge. Und die wurde vor vielen Jahren von mir konzipiert, veröffentlicht, und von der Firma Future Magic in Lizenz produziert.

Vielen Dank für das Gespräch, Boretti, und weiterhin alles Gute!

(Interview: Jan Isenbart)


Zum Interview mit Harry Keaton geht es hier und mit Hakan Varol hier.

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Aus meinem Zauberfundus:

Eine frühe Original Boretti Gefühlsbox in leicht geöffnetem Zustand und mit dem Stacheldraht-Ring, den der Zuschauer stets als Seilstück “erfühlt”.

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Im Interview: Harry Keaton

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Harry Keaton (Bild: BahmanBörger)

Herzlichen Glückwunsch, Harry, zu deinem erfolgreichen Auftritt bei “Penn & Teller: Fool Us”! Hand aufs Herz: Hast du damit gerechnet, die beiden “foolen” zu können?

Harry Keaton: Die Chancen lagen aus meiner Sicht bei 50:50. Castingshows sind immer ein Tanz auf dem Drahtseil, und es spielen ja viele Faktoren mit: Wie läuft die Performance vor der Kamera? Wie spielt die Moderatorin Alyson Hannigan mit? Haben Penn & Teller die Fühlbox schon einmal gesehen? Auch Sympathie spielt eine Rolle. Die Reaktionen von Penn & Teller auf meinen Auftritt fand ich dann schon überwältigend – damit hatte ich nicht gerechnet, und natürlich war ich überglücklich!

Wie kam es denn zu deinem Auftritt? Hast du dich selber beworben, oder wurdest du empfohlen oder gar “gescouted”?

Simon Pierro hat mich empfohlen, das fand ich sehr nett. Er war bereits zweimal in dem Format zu sehen und hat jeweils starke Auftritte hingelegt.

Stand für dich von Anfang an fest, deine Version der Fühlbox zu zeigen?

Ja, das war von den Produzenten gewünscht.

Wie hast du dich speziell auf diesen Auftritt in englischer Sprache vorbereitet?

Ich trete zwar oft vor internationalem Publikum auf, aber ein Auftritt im  amerikanischen Fernsehen ist doch eine andere Hausnummer. Mit Freunden von mir, die native speaker sind, bin ich die Texte durchgegangen. Außerdem wollten die Produzenten ein Video auf Englisch. Sie haben einige Änderungen am Text vorgeschlagen. Auch vor Ort wurde nochmals am Text gefeilt.

Was musstest du an deiner Routine verändern?

Die gravierendste Änderung war die Beschränkung auf eine Zuschauerin – eben auf die wunderbare Alyson Hannigan. Normalerweise arbeite ich mit zwei Zuschauerinnen. Die Arbeit mit nur einer Person machte Änderungen in den Abläufen nötig. Außerdem nutze ich normalerweise für die Mitwirkenden ein Handmikrofon – das hilft bei der Misdirection. Das fiel aber weg, weil Alyson ein Lavalier-Mikro trug.

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Harry Keaton mit seiner Version der Gefühlsbox (Bild: Keaton)

Und wie wurdest du vor Ort beraten?

Das Fernsehteam war natürlich hochprofessionell, sie haben vor allem in puncto Skript beraten.

Die Aufzeichnung der Sendung ist ja sicher schon einige Monate her. Wie schwer war es, nicht darüber sprechen zu dürfen?

Kein Problem – als Zauberer sind wir es doch gewohnt, Geheimnisse für uns zu behalten!

Wie geht es nun weiter? Willst du dich – wie viele Gewinner – nochmal der Herausforderung stellen?

Im August fliege ich erneut nach Las Vegas, um in der Penn & Teller Show aufzutreten. Allerdings mit einem anderen Act – die Frachtkosten wollten die Produzenten nicht erneut übernehmen… Und klar, wenn sie erneut fragen, bin ich wieder dabei. Am besten mit einem Effekt aus meiner neuen Show “BrainMagic”, die nächstes Jahr Vorpremiere hat.

Vielen Dank für das Gespräch, Harry, und weiterhin viel Erfolg!

(Interview: Jan Isenbart)

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Zum Anschauen: Harrys Auftritt!

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YouTube Screenshot

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Zum Hintergrund der Gefühlsbox:

Die Gefühlsbox wurde von Erich Hammann-Boretti entwickelt und erstmals 1995 von ihm in seinem Manuskript “And so on” veröffentlicht, später dann auch produziert und vermarktet. Sie ist auch heute noch erhältlich.
Addendum 16.08.2019: Aktuell bietet Boretti wieder einige Exemplare seiner “Gefühlsbox Deluxe” an, mit Eingriffsloch an der Oberseite.
Harry Keaton hat später mit Borettis Genehmigung zusammen mit Hakan Varol nach vielen Experimenten seine eigene Version der Box kreiert und dazu eine wunderbare Routine geschaffen, die meiner Meinung nach eine erhebliche Weiterentwicklung des Originals darstellt.
Diese Fühlbox wird nach wie vor von Varol vermarktet, was Boretti in seinem aktuellen Newsletter (Nr. 793) heftig kritisiert.
Eine aktuelle Diskussion hierzu findet sich auch im Genii Forum.
Zum aktuellen Interview mit Boretti geht es hier und mit Hakan Varol hier.
Für MZvDler: Im magie-Jahrgang 2013 hat Harry Keaton in einem zweiteiligen Artikel seine Gedanken zur Entwicklung und zur Vorführung der Box ausführlich beschrieben.
Hier spricht Harry Keaton über die Gefühlsbox in einem Radiointerview bei hr1.

Zum Interview mit “Penn&Teller”: Fool Us”-Teilnehmer Axel Hecklau geht es hier.