Im Interview: Helge Thun

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Ganz weg war ich nie

Hallo, Helge! Schön, dass ich dich gerade erwische, bevor du vielleicht bald schon wieder auf Tour durch die Bredouille bist… Wie bist du ins neue Jahr gestartet, und was steht bei dir zauberseitig demnächst so an?

Ins neue Jahr bin ich mit Bronchitis gestartet. Im Moment versuche ich mich an einem Theatermonolog übers Zaubern, der im Herbst Premiere haben soll, Arbeitstitel „Der verschwundene Mann“. Und Anfang nächsten Jahres plane ich zusammen mit Topas einen Zauber-Comedy Abend, „Funny Magic“.

„Er ist wieder da!“ – So beschrieben sinngemäß manche Beobachter deine Rückkehr in die Zauberszene im letzten Jahr: neues Soloprogramm, Branchenauftritte und die Video-Kolumne „Magische Monologe“ in der magie und im Genii Magazine. Hast du das selbst so erlebt oder gar forciert? Oder warst du eigentlich nie so richtig weg?

Ganz weg war ich nie. Vor allem mit den Fertigen Fingern und einigen anderen Kollegen hatte ich immer Kontakt. Aber dass mich das Zauberfieber wieder so heftig packen würde, hätte ich auch nicht gedacht. Das genieße ich sehr.

Du positionierst dich auf deiner Website mit dem Viersprung Comedy – Kabarett – Zauberei – Moderation. Steckt da irgendeine quantitative oder qualitative Wertung in dieser Reihenfolge?

Nein, wobei es momentan eigentlich Comedy, Zauberei und Impro heißen müsste. Vor allem Moderation mache ich kommerziell fast gar nicht mehr. Das kann ich zwar gut, aber die Vorbereitung nimmt mir einfach zu viel Lebenszeit.

Was ist eigentlich der große Reiz der Comedy-Szene für gelernte Zauberer? Und wo liegen aus deiner Sicht womöglich wesentliche Unterschiede?

Ehrlich gesagt besteht da für mich kein großer Unterschied, außer dass beim Zaubern noch das Trickhandwerk und das Staunen dazu kommen. Ansonsten sind die Mechanismen die gleichen. Der Aufbau, die Dramaturgie, die Überraschung am Schluss. Und ob es die nicht auflösbare Ambivalenz einer guten Pointe oder eines Zaubereffektes ist – im Gehirn der Zuschauer passiert das Gleiche. Und Zauberei ohne Humor ist genauso komisch – halt nur ungewollt.

Für mich lag der Unterschied eigentlich immer nur im Grad der Einschränkung bzw. der Freiheit was Themen und Inhalte angeht. Die Zauberei ist so dominant, dass der Effekt andere Inhalte immer überlagert. Ich kann mir noch so eine lustige Präsentation oder einen tiefgründigen Vortrag überlegen, am Ende beschäftigt doch alle nur, wie die Zeitung wieder ganz wurde oder der Ring in die Ananas kam. Aber in der Comedy, im Kabarett oder im Theater habe ich die absolute Freiheit über jedes Thema zu sprechen, das mich interessiert. Und darum geht es dann auch, und kein Trick lenkt davon ab.

Wie fügen sich für dich Theatersport und Improvisationskunst da noch mit ein?

Wie gesagt, für mich fühlen sich die Unterschiede nicht besonders groß an. Im Grunde ist es immer das Gleiche: Ich stehe auf der Bühne und bringe die Menschen zum Lachen und Staunen. Bei der Zauberei über den Effekt, bei der Comedy über die Gedanken und Pointen. Und bei Impro über die verblüffende Geistesgegenwart. In jede Sparte fließen bei mir auch die Erfahrungen aus den jeweils anderen Disziplinen ein. Die Offenheit und Bereitschaft zur Improvisation ist aber immer da und ehrlich gesagt das Wichtigste von allem! Nur dann ist man wirklich im Moment, und der Abend kann etwas Besonderes für Publikum und Künstler gemeinsam werden.

Deine „Magischen Monologe“ haben sicher viele Fans gefunden, aber hier und da offenbar auch Unverständnis hervorgerufen. Wie ist die Idee entstanden, und was war dir bei der Umsetzung besonders wichtig?

Ich habe die ersten drei Monologe für mein aktuelles Programm „TRiX“ geschrieben. Ich wollte den Zuschauern eine Ahnung davon vermitteln, was mich selber an der Zauberei fasziniert, ohne dabei langweilige Vorträge zu halten. So ist die Form entstanden: Gedanken, die sonst in einen Fachaufsatz oder philosophischen Essay gehören, mit den Mitteln der Comedy-Schreibweise kurz, prägnant und pointiert, aber hoffentlich trotzdem interessant umzusetzen. Als ich dann auf YouTube das Video „Invisible Dialogues“ von Derek DelGaudio gesehen habe, kam mir sofort die Idee, so etwas Ähnliches auch mit meinen Monologen zu machen.

Der filmische Aufwand, auch durch die Liebe zum Detail und Zwischenschnitt, erschien mir recht beträchtlich. Wie lange hat es gedauert vom ersten Skript bis zur fertigen Umsetzung?

Ehrlich gesagt ging das alles recht flott und aus der Hüfte geschossen. Mein Cousin Paul studiert gerade Mediengestaltung in Kiel und ist nicht nur ein guter Kameramann, sondern auch ein Technik-Nerd, ein guter Cutter und vor allem genauso offen und improvisationsbereit beim Filmen wie ich. Wir haben geschaut, dass wir eine fotogene und ruhige Location finden und haben ohne Plan losgelegt. Ein paar Ideen hatten wir vorher, aber vieles ist spontan beim Drehen entstanden. Da haben wir uns blind verstanden. Er wusste immer sofort, was ich will und umgekehrt. Meistens waren wir so vertieft, dass wir vergessen haben mittags was zu essen. Abends hat Paul dann schon den ersten Rohschnitt gemacht und wir hatten das Ding nach einem Tag im Kasten. Manchmal war dann der Aufwand noch etwas größer, weil noch Animationen dazu kamen. Aber da meine Frau Carolin Trickfilmerin ist und ihr Ex-Freund Erich unser Musiker, blieb auch das „in der Familie“.

Chapeau! An manchen Stellen hatte ich allerdings den Eindruck, dass das optische, magische Geschehen meine komplette Aufmerksamkeit bündelt und die Tonspur derweil ungehört weiterrauscht… ein Problem?

Klar! Aber das Gute an YouTube ist ja, dass man sich ein Video mehrmals anschauen kann. Also lieber schnell, kurz, inhaltlich überladen und visuell und sprachlich verschachtelt, als schön langsam und verständlich ausgebreitet. Lieber mehrmals schauen und Dinge entdecken, die man beim ersten Mal übersehen hat, als dass sich das niemand bis zum Ende anschaut.

Können wir uns irgendwann auch noch auf Outtakes oder gar weitere Folgen freuen? Und wo bleibt eigentlich nach mehreren Gedichtbänden dein erstes eigenes Zauberbuch?

Wenn mir mal wieder ein gutes Thema einfällt – vielleicht. Aber geplant habe ich erst mal keine weiteren Folgen. Buch kommt als Nächstes, aber da muss ich mich eher zwingen und quälen. Das war damals beim Buch der Fertigen Finger auch schon so. Aber mein Plan ist es, das bis FISM 2021 fertig zu kriegen.

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Da freuen uns doch schon drauf! 2019 war auch das Jahr des 25-jährigen Jubiläums der Fertigen Finger, das ihr in München gefeiert habt. Nach Thomas Fraps und Pit Hartling möchte ich auch dich noch dazu im besten Sportreporter-Duktus befragen: Helge Thun, wie hat sich das in dem Moment angefühlt?

Wie Heimat.

Was würdest du denn deinem 25 Jahre jüngeren Selbst aus heutiger Sicht gerne zurufen wollen? (Außer vielleicht „Augen auf bei der Berufswahl!“)

Mach weiter mit den Ziergriffen! Daraus wird mal eine eigene Kunstform!

Wie und wo könntest du dir denn das Jubiläum “50 Jahre Gichtige Griff Fertige Finger” vorstellen?

In einem dunklen Raum mit Scheinwerfern und Publikum.

Welche Frage wolltest du einem anderen Finger schon immer mal öffentlich stellen?

Keine offenen Fragen. Wir wissen alles voneinander.

Von Pit darf ich dir jedenfalls die folgende Frage übermitteln: „Wann geht es denn jetzt endlich mit unserer großen Vegas-Tour los? Viel Zeit haben wir nicht mehr!“

Vegas war mal. Wanne-Eickel heißt das neue Ziel!

Neben den Fertigen Fingern bist du ja auch Mitglied anderer langlebiger Kollektive, etwa bei der Comedy Stube oder bei deinen Duetten mit Heiner Kondschak und Udo Zepezauer. Bist du ein geborener Ensemble-Spieler? Oder dir vielleicht nur selbst allein auf der Bühne zu langweilig?

Beim Theatersport und als Schauspieler habe ich gelernt mit anderen zu spielen. Das war das Beste, was mir passieren konnte. Vor allem zu lernen, dass man selber am besten rüberkommt, wenn man versucht, die anderen gut aussehen zu lassen. Als ich mit Heiner Kondschak angefangen habe zu spielen, habe ich auf der Bühne in kürzester Zeit mehr über mich gelernt, als in all den Jahren zuvor. Seitdem versuche ich mir immer Kollegen zu suchen, die in irgendetwas besser sind als ich. Allerdings muss ich auch gestehen, dass ich eine Tendenz habe, mich immer wieder ungewollt in die Chefrolle zu manövrieren…

Jetzt wo du es sagst… Wie liefen eigentlich zum Jahresende in Tübingen die Werkstatt-Impro-Abende „zum gemütlichen Ausprobieren und fröhlichen Scheitern“ mit dir, einem Musiker und einem emeritierten Professor?

Das war Wohnzimmeratmosphäre mit Menschen und Dingen, die nicht zueinander passen. Wir haben gleich wieder ein paar neue Termine gemacht.

Welchen großartigen Künstlernamen hättest du dir beinahe einmal gegeben?

Helgini Thunino.

Das hätte was werden können! Bitte kommentiere jetzt noch die folgenden Namen und Begriffspaare möglichst kurz und knackig:

Heinz Erhardt oder Joachim Ringelnatz?

Heinz Erhardt, Robert Gernhardt und Erich Kästner.

Gut singende Zauberer: Topas oder Desimo?

Singen: Topas. Pferdedressur: Desimo.

Das Udo oder das Biest?

Äpfel und Birnen.

Jan Böhmermann oder Jan Logemann?

Logemann, ist doch klar! Alleine schon wegen der Fernsehsendung.

Sudhaus in Tübingen oder Magic Castle in Hollywood?

Sudhaus. Hat mehr Glamour.

Münzen oder Karten?

Becher. Nee, Münzen. Nee, Karten. Nee, Becher. Nee, Münzen. Nee, Karten…

Anzug oder Hawaii-Hemd?

Anzug mit Hemd auf Hawaii.

Was reimt sich eigentlich gut auf „Eutin“ (außer „Bilbo Beutlin / fährt noch heut‘ hin“) und „Tübingen“ (außer „trüb‘ Dingen“)?

Nichts, was den Aufwand lohnt.

Zum Abschluss: Schenkst du uns bitte noch einen gepflegten Vierzeiler? Gerne auch mit aktuellem Bezug, etwa zu Greta oder den Ehrlich Brothers…

Also Ehrlich sind die Brothers
Greta than the others.
Afterthought (nur etwas später):
Some others are noch Greta.

(Andächtiges Schweigen.) Das lassen wir jetzt einfach mal so im Raum schweben… Ganz herzlichen Dank, Helge, für deine Zeit, und weiterhin toi toi toi, wie der Schwede sagt!

(Interview: Jan Isenbart)


Hier beispielhaft der letzte von Helges zehn Magischen Monologen:

Und hier geht es zu Helges Website!


Alle weiteren Interviews − u.a. mit den Fertigen Fingern Pit Hartling und Thomas Fraps − finden sich gleich hier.


 

Im Interview: Pit Hartling

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„Ich liebe vor allem die Abwechslung“

 

Hallo Pit! Um meiner journalistischen Sorgfaltspflicht nachzukommen, möchte ich nach Thomas Fraps natürlich gerne noch weitere Fertige Finger zu ihren aktuellen Befindlichkeiten und zur Wahrnehmung ihres 25. Jubiläums befragen. Wie hast du dich denn dabei gefühlt?

Pit Hartling: Während des Finales im Theater Die Drehleier in München, zusammen mit Helge, Thomas, Jörg Alexander, Ben, Niko, Guido, Gaston und den anderen Gästen an diesem Abend, überkam mich eine kleine Welle nostalgischer Freude! Es ist sehr schön, nach 25 Jahren noch immer – oder zumindest wieder einmal – gemeinsam mit den Jungs auf der Bühne zu stehen. Ich habe das als einen ganz besonderen, kleinen Glücksmoment sehr genossen.

Was macht die Zahl 25 mit dir? Auch FISM Yokohama dürfte jetzt schon 25 Jahre her sein…

Ja, es ist verrückt! Da macht man einfach in aller Ruhe sein Ding, und – zack! – sind 25 Jahre rum! Vor allem fällt es mir auf, wenn ich mir anschaue, was die 16- und 17-Jährigen heute mit Spielkarten machen. Da schlackert man ja zum Teil mit den Ohren!

Wie und wo kannst du dir denn das Jubiläum “50 Jahre Gichtige Griffel Fertige Finger” vorstellen?

Haha, das planen wir dann, wenn es soweit ist, aber grundsätzlich hat man ja im Alter, was Comedy angeht, ganz andere Möglichkeiten! So manches, was von einem jungen Menschen ganz amüsant wäre, kann von einem altem sehr viel witziger sein. Ich habe neulich ein großartiges Foto gesehen, auf dem Mel Brooks, Carl Reiner und Dick van Dyke mit weit über 80 gemeinsam Grimassen schneiden – das finde ich schon eine ziemlich gute Zielvorgabe.

Wenn Thomas der “Zeigefinger” der Finger ist, welcher bist dann du? Der kleine Finger, der Linking-Ring-Finger oder der…?

Die Bezeichnung “Kleiner Finger” fiel tatsächlich das eine oder andere Mal. Aber das ist schon ok, zumindest bin ich nicht der Mittelfinger – das ist Guido!

Da zwei Fälle in der Boulevardpresse ja schon ein Trend und drei eine Massenbewegung sind, würde ich gerne mindestens noch einen weiteren Finger befragen. Du darfst bestimmen, wer das sein soll (Instant Stooging: Helge! Helge! Helge!) – und welche Frage ich ihm unbedingt stellen muss!

Klar, Helge! Frag ihn bitte, wann es denn jetzt endlich mit unserer großen Vegas-Tour losgeht, viel Zeit haben wir nicht mehr!

Prima, geht klar! Wahrscheinlich ist er gerade wieder in der Bredouille unterwegs. Aber was macht eigentlich Heinz, der kleine Schwerenöter? Er müsste ja so langsam mal in die Pubertät kommen…

Du, es ist ganz seltsam, aber im Gegensatz zu mir scheint Heinz kaum zu altern!? Vermutlich eine Stoffwechselsache. Andererseits war er halt auch immer schon ziemlich altklug, der kleine Scheißer.

Neben den Fertigen Fingern bist du ja auch Mitglied anderer langlebiger Kollektive, wie der Magic Monday Show im Kabarett „Die Schmiere“ oder beim Zauber-Dinner in Frankfurt. Welche Bedeutung haben diese für dich – ewiges Jugendlager, ruhiger Heimathafen oder kreative Testbühne?

Ich liebe vor allem die Abwechslung! So sehr ich es genieße, solo unterwegs zu sein, so sehr freue ich mich auch immer auf unsere Magic Mondays – die Show geht jetzt auch ins 20. Jahr – oder auch das „Metamagicum“ mit Thomas Fraps, immerhin seit 15 Jahren. Am ehesten kreative Testbühne sind für mich unsere Zauber-Dinner auf dem Schiff, vor allem, weil wir dort das Publikum in drei Gruppen aufteilen. Damit hat man dort die Gelegenheit, neue Nummern gleich drei Mal am Abend zu spielen – sehr, sehr nützlich!

Vor vier Jahren waren Denis Behr und du die deutschen Mitbegründer des internationalen Kollektivs Half Half Man. Nach einem sehr ambitionierten Start mit ausgewählten Produkten und hochwertigen Publikationen ist es dann bald ruhiger geworden. Lebt das Projekt noch?

Das scheint für viele so gewirkt zu haben, aber tatsächlich kann von „Mitbegründern“ oder gar „Kollektiv“ keine Rede sein. Helder (Guimarães) hatte einfach sowohl Denis als auch mich wegen einer Kolumne für eine neue, geplante Zeitschrift gefragt. Einzeln hatten wir beide keine Lust, aber wir schlugen ihm vor, gemeinsam etwas zu machen, in Dialogform. Unsere einzige Bitte war „carte blanche“, sprich, wir wollten einfach über alles reden bzw. schreiben können, wonach uns gerade der Sinn stand. Und so haben wir es dann gemacht. Irgendwann schlief das Ganze ein. Und irgendwo muss noch unsere letzte, bisher unveröffentlichte Kolumne herumliegen.

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Schade drum! Kommen wir endlich zu den Kartensachen. In einem Podcast-Interview mit dir habe ich neulich gehört, dass 80 Prozent deines Broterwerbs tatsächlich Stand-up-Auftritte sind. Heißt das, du zauberst mit Karten eigentlich mehr für andere Zauberer als für Laien?

Karten kommen bei mir im professionellen Bereich vor allem bei formellen Close-up-Shows zum Einsatz, meinem sogenannten „Magic Circle“. Wann immer ich Anfragen für kleine Gruppen bis zu maximal 50 Personen habe, schlage ich dieses Format vor: Die Gäste sind in einem engem Kreis dicht um einen runden Tisch herum versammelt, dazu ein grüner Casino-Filz und zwei Scheinwerfer. Diese Situation mag ich sehr, und dort ist es auch, wo ich zum Beispiel Kunststücke aus Card Fictions und In Order to Amaze hauptsächlich vorführe.

Dazu noch der eine oder andere „normale“ Close-up-Auftritt, aber ansonsten gibt es Spielkarten bei mir in der Tat mehr auf Kongressen, bei Seminaren und Workshops, das stimmt. Und natürlich öffentlich, bei meinen sogenannten „Magischen Soiréen“ im Grandhotel Hessischer Hof hier in Frankfurt oder bei Close-up-Gastspielen in Spielorten wie Stephan Kirschbaums Wundermanufaktur, bei Jan Logemann im Magiculum in Hamburg, der Close-up Lounge Hannover etc.

Dein lange vergriffenes erstes Buch Card Fictions ist inzwischen ja wieder erhältlich. Die Liste deiner Veröffentlichungen ist im Vergleich zu einigen anderen Kartenprofis eher schmal, aber dafür werden deine praktisch durch die Bank weg hoch gelobt ob ihrer Originalität und Perfektion. Wie intensiv verfolgst du und wie bewertest du denn den fast täglichen Auswurf der heutigen Zauberindustrie mit Tricks, Decks, Moves, Gimmicks und Instant Downloads?

Ich muss gestehen, dass ich diesen „Markt“ fast gar nicht verfolge. Allein bei der Menge an Buchveröffentlichungen halte ich mich an das Motto „Mut zur Lücke“. Das ist allerdings weniger irgendeiner Skepsis geschuldet, als vielmehr ganz profanem Zeitmangel. Ich bin sicher, dass mir dabei auch viele tolle Ideen und Entwicklungen entgehen, und ich versuche gerade in den letzten Jahren, da wieder etwas genauer hinzuschauen.

Was würdest du sagen: Auf welche deiner eigenen Trickschöpfungen bist du am meisten stolz?

Stolz empfinde ich in diesem Zusammenhang eigentlich kaum. Man kann ja nichts dafür, dass einem etwas einfällt. Stolz bin ich, wenn ich zu Hause ausgemistet habe oder zehn Kilometer joggen war! Aber was die Kartensache angeht: Zu den „Dauerbrennern“ in meinem Repertoire gehören sicher „Amor“, „Feurio“, „Finger Flicker“, die O-Saft Gedächtnisdemo oder die Pokerformeln.

Aber manchmal habe ich auch gerade Lust auf ganz andere Sachen. Das liebste „Baby“ ist ja sowieso immer das aktuelle Projekt, aber was dann den Test der Zeit besteht und gewissermaßen „überdauert“, das weiß man ja ohnehin immer erst nachher.

Gibt es neben dem memorierten Spiel noch ein besonderes Karten-Steckenpferd für dich, also zum Beispiel Story-Tricks, Gambling-Routinen oder Gimmick-Karten?

Nicht wirklich, nein. Methoden sind ja nur Werkzeuge. Sie sind Mittel zum Zweck, und der Zweck ist der Effekt. Und was Effekte angeht, mag ich in einer Show eine gewisse Abwechslung: Mal eine Skill-Demo, mal ein mehr „unmöglichkeitsbetontes“ Kunststück, mal etwas sehr Lustiges, etwas zum Thema Casino und Gambling, mal ein leiser, langsamer Rhythmus, dann wieder schnell und interaktiv. Ob dabei ein gemischtes Spiel zum Einsatz kommt oder ein Memospiel, Psychologie, Mathematik oder Gimmicks oder eine Kombination aus allem, ist für die Wirkung und das Publikum erstmal kein Kriterium.

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Noch ein ganz anderes Thema, passend zu den meisten meiner anderen aktuellen Interviews: Du warst bereits im letzten Jahr zu Gast bei „Penn & Teller: Fool Us“, mit einer ganz starken Kartenroutine. Wie hast du die Show und die Gastgeber erlebt, und wie enttäuschst warst du womöglich, dass es nicht zu einer begehrten F.U.-Trophäe gereicht hat?

„Fool Us“ war eine rundum schöne Erfahrung! Die Produzenten hatten mich im Jahr davor schon einmal angefragt. Da ich aber zu diesem Zeitpunkt das Format nicht sehr gut kannte, hatte ich abgesagt. Ich glaubte zu wissen, dass es um eine Art Wettbewerb geht: Wenn du uns täuschst, hast du gewonnen, wenn nicht, haben wir gewonnen. Das fand ich die denkbar schlechteste Haltung für Zauberei.

Erst danach habe ich mitbekommen, dass das einfach eine kleine Mogelpackung von Penn und Teller ist, um zur besten Sendezeit gute Zauberei ins Fernsehen zu bringen. Das „Foolen“ oder nicht ist eher ein schönes Schmankerl, so dass sich eine größere Enttäuschung dort, glaube ich, wirklich für niemanden einstellt. Im Gegenteil: Es ist eine Freude zu erleben, wie dort alle an einem Strang ziehen, um möglichst gute Ergebnisse zu erzielen. In meiner Vorführung waren zum Beispiel diverse Kleinigkeiten daneben gegangen, so dass ich ein wenig improvisieren musste. Der Effekt und der Gesamt-Rhythmus waren davon zum Glück nicht groß betroffen, und die kleinen „Slalom“-Schlenker, die ich machen musste, wurden im Schnitt bereinigt.

Dabei ist das Konzept durchaus echt und ehrlich: Penn und Teller erfahren erst in dem Moment, wer ihnen da vorgesetzt wird, wenn man auf die Bühne tritt, und sie haben tatsächlich keinerlei Ahnung, was sie zu sehen bekommen werden. Ihre „Beratungen“ dauern live sehr viel länger, als am Ende zu sehen ist, aber ein Großteil dieser Zeit verwenden sie nicht um zu überlegen, wie die Methode war – das kennt man ja selbst: Entweder man ist getäuscht oder nicht -, sondern um die Texte für ihre „codierten“, verklausulierten Kommentare zu schreiben.

Überhaupt ist die ganze Sendung ein Kraftakt: Die Produktion geht über zwei Wochen, es sind ca. 200 Personen beteiligt, und an sechs Drehtagen werden 64 Acts aufgezeichnet plus 13 Penn & Teller-Nummern! Und dabei sind alle noch gut gelaunt und professionell. Sehr beeindruckend!

Mit einem Jahr Abstand — was hat dir dieser Auftritt persönlich, künstlerisch oder auch geschäftlich an Mehrwert gebracht? Und würdest du es wieder tun?

Handwerklich vor allem zwei Dinge: Die Erfahrung, wie es logistisch bei einer TV-Produktion dieser Art zugeht. Und die Erkenntnis, wie man Darbietungen für den Bildschirm „verknappt“ und auf den Punkt bringt. TV hat andere Gesetze als die Bühne.

Geschäftlich: Nix. Zwar meldeten sich die Produzenten von „America’s Got Talent“, aber die melden sich glaube ich bei jedem, und im Gegensatz zu „Fool Us“ weht da ein ganz anderer Wind. Vielleicht hätte man den Auftritt pressemäßig etwas ausschlachten können, aber das habe ich vergessen oder war zu faul!?

Wieder tun: Eindeutig ja. Das hat großen Spaß gemacht!

Schenkst du uns zum Abschluss bitte noch eine magische Weisheit oder ein Kurzgedicht des Lebemanns, Fußgängers und Kleinillusionisten Heinz?

Na, dann doch gerne beides:

Die große Weisheit (die nur so trivial klingt): Die wichtigste Fähigkeit für einen Zauberkünstler ist, die Dinge aus der Sicht der Zuschauer zu sehen.

Und, anlässlich der aktuellen tropischen Temperaturen, hier ein Zweizeiler zum Thema „Air Condition“: „Die Kühlanlage tat ihn stör’n. Er konnt’ die schon nicht mehr hör’n.“

Ich verrate aber nicht, was von mir und was von Heinz ist!

Großartig, ich glaube, das wird auch nicht nötig sein! Doppelten Dank, Pit und Heinz, für diese Perlen und all die persönlichen Einblicke, und euch weiterhin alles Gute!

(Interview: Jan Isenbart)


Hier geht es zur Website von Pit Hartling.

Hier ist Pit in einem recht aktuellen Podcast-Interview bei Vanishing Inc. zu hören.

Und hier sein letztjähriger Auftritt bei “Penn & Teller: Fool Us”:


 

Denis Behr und Pit Hartling auf den Ohren

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In der Interview-Reihe im Blog von Joshua Jays und Andy Gladwins Firma Vanishing Inc. waren kürzlich auch – allerdings getrennt voneinander – Pit Hartling und Denis Behr zu Gast. Die beiden Podcasts gibt es hier und hier zu hören.

Demnächst an dieser Stelle mehr zum trendigen Thema Zauber-Podcasts!


 

The Multiplying Books

It’s springtime in Magic Bookie Land, new titles just keep popping up everywhere like mushrooms on a wet day!

Just about two weeks ago, Penguin Magic brought out Juan Tamariz‘s opus magnum, The Magic Rainbow. You may want to GET THIS NOW. Yes, it’s 149 Euro, but it has almost 600 pages and costs about what you paid for the last four or five “latest wonders” or overpriced one trick DVDs, so why worry? This one is likely to serve you a lifetime supply of brain food to understand magic better and to make you a much better performer.

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Last week, Dover published a Kindle edition of How to Make a Living as a Professional Magician: Business First, Sleight-of-Hand Later by Matt Patterson. It’s an updated version of his 1997 manual, Blood, Sweat, and Pinky Breaks, which I had been unaware of before. The price is 12,45 Euro.

Only today I noticed a revised and extended edition of JosePepe” Carroll‘s two volume modern card magic classic, 52 Lovers, now advertised as 52 Lovers Through the Looking-Glass over at Vanishing Inc. The price is 70 Dollars.

Vanishing Inc. have also just started a new line of booklets called Astonishing Essays, which are pigeon-holed somewhere between lecture notes and books. The first three out of ten booklets planned feature Steve Cohen, Rob Zabrecky and an unnamed Prison Magician (with a lifetime sentence).

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By the way, Steve Cohen also put out a fine graphic novel just recently, The Millionaires’ Magician. The price is 24,99 Dollar, and you can catch a full online preview here.

Oh, and not to forget our very own Pit Hartling, who has just republished his acclaimed first book, Card Fictions, and his more recent, but quickly-out-of-print mem deck oeuvre, In Order to Amaze. Prices are 35 and 52 Euro.

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Für unsere deutschsprachigen Zauberfreunde: Thorsten Havener hat ganz frisch ein neues Buch am Markt. Sag es keinem weiter: Warum wir Geheimnisse brauchen beginnt mit einer sehr berührenden, persönlichen Geschichte des Autors. Danch reitet er flott durch einen Wust von Gedanken und Anekdoten, Studienergebnissen und Info-Häppchen. Im Mittelteil dürften dann auch viele Zauberfreunde auf ihre Kosten kommen und manchem vertrauten Namen und Prinzip begegnen. Der Preis: 16 Euro.

Erdnase

Bei Amazon ist am 11. Februar Der Experte am Kartentisch von S.W Erdnase auf deutsch erschienen. Der Untertitel: “Wie Sie erfolgreich manipulieren und meisterhaft zaubern”. Nun ja. Ob es sich bei dieser Veröffentlichung des Nikol Verlages um die bekannte Übersetzung von Christian Scherer handelt, konnte ich noch nicht feststellen. Der Preis: 7,95 Euro.