Im Interview: Erdnase-Übersetzer Christian Scherer

“Der Text war eine größere Herausforderung”

Christian Scherer gehört seit Jahrzehnten zu den profiliertesten Schweizer Zauberkünstlern. Neben der Kreation vieler eigener Routinen für Bühne und Close-up hat sich der studierte Psychologe auch einen Namen als Autor, Übersetzer, Seminarleiter und Vereinsfunktionär gemacht. Auf unserer Spurensuche zur Bedeutung und Rezeption von S.W. Erdnases Expert at the Card Table im deutschsprachigen Raum haben wir ihn in seiner Funktion als erster Übersetzer des Werkes ins Deutsche befragt.

Hallo Christian! Schön, dass du dir die Zeit für ein Gespräch nimmst! Weißt du noch, wann oder wo dir zum ersten Mal Erdnase und sein Buch begegnet sind?

Ich sah das 1975 erschienene Buch Card Mastery von Michael MacDougal, in dem der komplette Text von Erdnase enthalten ist, in einem Prospekt von Tannen’s und kaufte es 1971 als mein 13. englischsprachiges Zauberbuch. – Ich weiß das so genau, weil ich die Anschaffung meiner ersten 520 Zauberbücher nach Kaufdatum aufgelistet habe.

Bist du damals schon über den komischen, deutsch klingenden Autorennamen “Erdnase” gestolpert?

Nein.

Was hat dich denn ursprünglich an dem Buch am meisten fasziniert?

Die detaillierten Abhandlungen zu den einzelnen Techniken und die Erkenntnis darüber, wo eine große Zahl von Techniken, die ich bereits aus anderen Publikationen kannte, ihren Ursprung hatte.

Hast du jemals Kunststücke aus dem Buch einstudiert oder vorgeführt? Oder hatten dir es dir mehr die Griffe fürs Falschspiel angetan?

Wie erwähnt kannte ich viele der beschriebenen Techniken und deren Weiterentwicklungen schon aus der Sekundärliteratur. Techniken wie Injog-Mischen, Palmieren, der Bottom Deal, der Erdnase Color Change (Transformations Two Hands, First Method), oder der einhändige Erdnase Shift haben mich mehr in Bezug auf allgemeine Anwendungen bei Kartenkunststücken interessiert als in Bezug auf das Falschspiel bzw. Falschspieldemonstrationen.

Vorgeführt habe ich zum Beispiel “The Card and Handkerchief”, zu dem ich eine eigene Handhabung entwickelt habe, die in Karten à la Carte veröffentlich wurde, oder “The Exclusive Coterie”, mit eigenem Vortrag.

Wann und wie ist dann der Gedanke zur Übersetzung entstanden?

Da der Experte am Kartentisch eine der bedeutendsten Grundlagen der Kartenkunst ist und immer wieder als Quelle angegeben wurde und wird, viele Zauberfreunde jedoch des Englischen nicht genügend mächtig sind, um komplexe Texte ohne Schwierigkeiten zu lesen, lag es nahe, den Text ins Deutsche zu übertragen. Die Idee konkretisierte sich 1990, die erste Auflage wurde dann 1991 veröffentlicht, die zweite, überarbeitete und mit einem Anhang über das Euchre-Spiel ergänzte Auflage 2009.

Was waren dabei die größten Hürden für dich?

Das englische Vokabular der Zauberkunst war mir schon recht geläufig, die Übersetzung des gesamten, 70 Jahre früher verfassten Textes war jedoch eine größere Herausforderung, da es Übersetzungstools wie DeepL und LEO damals noch nicht gab. Da war noch Handarbeit unter Zuhilfenahme von einschlägigen Wörterbüchern wie z. B. Webster’s New Encyclopedic Dictionary angesagt!

Vor zwei Jahren ist ja eine Neuübersetzung von Erdnase ins Deutsche erschienen…

…und die ist schlecht und ein echtes Ärgernis! Warum übersetzt jemand, der sich offensichtlich in einem Fachgebiet nicht auskennt, ein Buch, das bereits in deutscher Übersetzung vorliegt? Auch wenn Erdnases Experte am Kartentisch oft als “Bibel” bezeichnet wird, handelt es sich hier ja nicht um eine Bibelübersetzung, bei der überlieferte Texte neu interpretiert werden müssten. Der Originaltext liegt vor. Aus Respekt für den Autor, und um Sprachgebrauch und Zeitgeist des Anfangs des 20. Jahrhunderts verfassten Textes wiederzugeben, wäre es angemessen, sich möglichst eng an die Sprache des Originals zu halten. Davon hält der Übersetzer Rainer Vollmar offensichtlich nichts. Das beginnt schon auf der Titelseite mit einem frei erfundenen reißerischen Untertitel, “Wie Sie erfolgreich manipulieren und meisterhaft zaubern”. Dafür fehlt die zur Zeit der Entstehung des Originaltextes übliche blumige Umschreibung des Inhaltes, nämlich “Eine Abhandlung über die Wissenschaft und Kunst der Kartenmanipulation von S. W. Erdnase. Umfasst alle Kunstgriffe, die von Spielern und Zauberkünstlern verwendet werden, beschreibt im Detail jedes bekannte Mittel, jeden Trick und jede List des Kartenexperten mit über 100 Zeichnungen nach dem lebenden Modell von M. D. Smith”.

Was kritisierst du noch?

Ach, so einiges. Im Inhaltsverzeichnis etwa entspricht die Kapiteleinteilung nicht der Einteilung in Ober- und Untertitel des Originals. Auch ist dem Übersetzer die Bedeutung der Begriffe “Trick” und “Kunstgriff” oder “Technik” nicht geläufig: Der Titel des Kapitels “Kunstgriffe am Kartentisch” lautet hier “Tricks am Kartentisch”. Ebenso werden bei den Kunststücken Griffe oder Techniken als “Tricks” bezeichnet. Auch ist ihm der Fachbegriff des “Egalisierens” nicht geläufig, er spricht von “Glattstreichen”. Außerdem ist bei ihm von einem “vorsortierten Spiel” die Rede, was in der Fachsprache ja ein “gelegtes Spiel” ist. Und weshalb Vollmar anstatt “Mischen” nun “Shuffle” im Deutschen verwendet, weiß wohl auch nur er. Und das sind nur einige ärgerliche Beispiele.

Zurück zum Original: Was ist denn für dich persönlich die größte Entdeckung oder Erkenntnis aus dem Buch?

Dass viele der auch heute noch gültigen Grundlagen der Kartenzauberei bereits Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt und vorhanden waren und zahlreiche Autoren auf den von Erdnase veröffentlichten Prinzipien und Techniken aufgebaut haben. Was zu der interessanten, wenn auch akademischen Frage führt, wie sich die Kartenkunst entwickelt hätte und wo sie heute stünde, wenn der Experte am Kartentisch nicht veröffentlicht worden wäre…

Wie sehr hat dich das Rätsel um die Person hinter dem Pseudonym S.W. Erdnase interessiert? Verfolgst du heute noch die Veröffentlichungen und Diskussionen darüber?

Früher war mein Interesse daran eher gering. Nach Veröffentlichungen wie The Man Who Was Erdnase von Whaley, Gardner und Busby, die ebenso viele Fragen offenlassen wie beantworten, verfolge ich gespannt insbesondere die sehr breit angelegten Recherchen von Chris Wasshuber.

Hast du denn einen Favoriten unter den diskutierten Kandidaten?

Da möchte ich mich nicht festlegen. Ich habe auch so meine Zweifel, dass es jemals gelingen wird, eindeutige Beweise für die Identität Erdnases zu finden.

Warum?

Weil sich schon zahlreiche Leute seit vielen Jahrzehnten vergeblich um Aufklärung bemüht haben.

Was glaubst du: War Erdnase eher Falschspieler oder Zauberer?

Zu Glaubensfragen äußere ich mich nicht… 😊

Strikt neutral, so kennen wir unsere Schweizer Freunde… Herzlichen Dank für das Gespräch, lieber Christian, und weiterhin alles Gute!

(Interview: Jan Isenbart)

Und hier geht es zu Christian Scherers Website. Viele seiner Werke sind auch als E-Buch bei Lybrary.com erhältlich. Zuletzt erschienen von ihm sein Hauptwerk Schlaglichter, mit vielen eigenen Routinen und Gedanken zur Zauberkunst, sowie die drei Bildbände Magicians in Action, 1980 – 2015.

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Alle weiteren Interviews – u.a. mit den Fertigen Fingern Helge Thun, Pit Hartling und Thomas Fraps – finden sich gleich hier.

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Zauberhafte Nach-Weihnachts-Tipps

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Na, an Weihnachten zaubertechnisch leer ausgegangen oder zumindest das heiß begehrte neue Buch des Großen Trickserini oder die Best-of-DVD der Fettigen Finger doch nicht von der Liebsten erhalten?! Dann muss man sich in 2020 eben öfter selbst beschenken! Nachfolgend einige aktuelle Tipps.

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Nicolai Friedrich tritt noch bis zum 2. Februar 2020 in einem Zauber-Zelt am Frankfurter Waldstadion auf. Hier steht mehr darüber, und hier ist ein aktueller Artikel über ihn aus der F.A.Z.

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Wer in Berlin wohnt oder in den nächsten Wochen hinfahren möchte, mag sich vielleicht Zauber Zauber anschauen. Das Programm ist noch bis zum 26. Januar 2020 im Berliner Wintergarten Varieté zu sehen.

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Es kommt nicht mehr so häufig vor, dass englischsprachige Zauberbücher ins Deutsche übersetzt werden. Geschehen ist dies aber nun mit dem Titel The Spectacle of Illusion. Magic, the Paranormal and the Complicity of the Mind von Matthew Tompkins. Übersetzt heißt das Werk Die Kunst der Illusion. Magier, Spiritisten und wie wir uns täuschen lassen. Es umfasst 224 Seiten und enthält ca. 400 farbige Abbildungen. Mehr darüber gibt es hier zu lesen. Die deutsche Ausgabe kostet 34 Euro.

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Mark Lewis ist Misanthrop, Maulheld, Magier und (vermeintliches) Medium. Im Genii Forum sind seine Tiraden unter dem Namen “performer” gefürchtet, denn nach eigener Aussage hasst er die allermeisten Magier, liebt aber die Magie. Und als Profi weiß er, wovon er spricht bzw. schreibt, vor allem beim Thema Karten. So gilt er als ein Meister des Svengali Pitches. Sein Leben lang hat er von Hugards und Braues Royal Road to Card Magic gezehrt und nun seine umfassenden Anmerkungen und Ergänzungen dazu bei Chris Wasshubers Lybrary.com veröffentlicht. Zum Buch geht es direkt hier, der Preis beträgt gerade mal 15 Dollar.

Lewis Annotated

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Bilbiophile Zauberfreunde und Sammler seien noch einmal an das neueste Werk von Wittus Witt erinnert, das wunderschön aufgemachte A-B-C der Taschenspieler-Kunst. Die Auflage ist limitiert. Zu bestellen direkt beim Herausgeber per Mail an abc [at] wittuswitt.de.

ABC Witt

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Und wer gar nichts ausgeben, aber sich kostenlos in Sachen Kartenkunst weiterbilden will, dem sei noch einmal der 554-Seiten-Schmöker The Passion of an Amateur Card Magician von Paco Nagata ans Herz gelegt. Der Spanier ist ein Amateur im besten Sinne des Wortes, ein Liebhaber, der sein Lebenswerk selbst ins Englische übersetzt hat, es nun mit Begeisterung völlig unneigennützig teilt und sich über jeden Leser herzlich und bescheiden freut. Einfach hier herunterladen!

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