Im Interview: Erdnase-Übersetzer Rainer Vollmar

“Das Buch ist in der Pokerszene völlig unbekannt”

Rainer Vollmar ist studierter Germanist und nach vielen Jahren im Verlagsgeschäft heute als freier Übersetzer, Buchautor und Journalist tätig. Für eine Neuveröffentlichung des Nikol Verlages im Jahr 2019 hat er Erdnases Expert at the Card TabIe ins Deutsche übertragen. Im Rahmen unserer Spurensuche zur Rezeption von Erdnase im deutschsprachigen Raum spricht Vollmar über seinen Zugang zum Buchklassiker, Feinheiten und Herausforderungen der Übersetzung und über Verbindungslinien in die Welt des Pokerns.

Hallo, Herr Vollmar! Vielen Dank, dass Sie sich für meine Fragen Zeit nehmen. Zu Ihren Fach- und Interessensgebieten als Autor und Übersetzer zählen unter anderem Schach und Poker. Haben Sie auch eine ähnliche Beziehung zu den Themenfeldern Falschspiel und Zauberkunst?

Das Thema Falschspiel beschäftigt mich zwangsläufig. Seit es Glücks- und Strategiespiele gibt, gibt es auch das Interesse, sich einen Vorteil zu verschaffen.

Wie ist Ihre Übersetzung von Erdnase vor rund zwei Jahren zustande gekommen? War das Ihre Idee, oder wurde Ihnen diese angetragen?

Der Verlag hat bei mir angefragt, und ich habe gern angenommen.

War die Übersetzung für Sie irgendwie auch eine Liebhaberei, oder war es mit Erdnase gesprochen Ihr primäres Motiv, “das notwendige Geld zu verdienen” – was ja ein edles und hier besonders passendes Motiv wäre?

Von einer Liebhaberei kann man insofern sprechen, als mir schnell klar war, dass mein Stundenlohn bei einem so komplexen Thema nicht besonders hoch sein wird. Ich interessiere mich grundsätzlich für die Inhalte der Bücher, die ich übersetze. Sonst lehne ich den Auftrag ab.

Hatten Sie vor dem Projekt schon mal von S. W. Erdnase gehört bzw. sich näher für ihn und sein Buch interessiert?

Nein. Meine Vorkenntnisse zu diesem Thema beschränkten sich auf Poker- und Casinoquellen und ein sehr anschauliches Buch mit dem Titel How to Cheat at Cards, das sich in meiner Bibliothek befindet.

Beschäftigt Sie die Frage, wer Erdnase war, und verfolgen Sie die entsprechenden Veröffentlichungen und Diskussionen darüber? Haben Sie womöglich sogar einen Favoriten unter den diskutierten Kandidaten?

Nachdem ich das Vorwort der Dover-Ausgabe von Martin Gardner gelesen hatte, war mein Interesse geweckt und ich habe im Internet recherchiert. Ungeachtet dessen, ist es bei einem Text Standard, sich mit den Hintergründen auseinanderzusetzen.

Zu Ihrer zweiten Frage. Wenn man die durchaus unterhaltsamen Geschichten aus der Frühzeit des amerikanischen Glücksspiels kennt, spricht vieles dafür, dass Erdnase ein Hustler war oder einen solchen gut kannte. Ich tue mich aber schwer, der Figur eine historische Bedeutung beizumessen. Seinem Buch schon.

Kannten Sie die schon viele Jahre vorliegende deutsche Übersetzung von Christian Scherer?

Selbstverständlich bin ich bei meinen Recherchen darauf gestoßen und habe mit Bedauern festgestellt, dass das Buch im Buchhandel nicht erhältlich ist.

Haben Sie sich für Ihre Übersetzung zu irgendwelchen Aspekten des Falschspiels oder Kartenzauberns mit Fachleuten ausgetauscht oder andere Quellen herangezogen?

Glücklicherweise ist der Vermieter meiner Frau ein recht bekannter Zauberer, der auch andere Größen der Szene gut kennt und den ich engagieren konnte. Er ließ die Rohfassung dankenswerter sogar kursieren, weil auch er die Verantwortung gespürt hat, die mit einem solchen Projekt verbunden ist. Ohne eine prüfende Lektüre von Fachleuten und deren Hinweise hätte ich meine Übersetzung nicht in Satz gegeben.

Ihre Übersetzung trägt den vermutlich verkaufsfördernd gedachten neuen Untertitel “Wie Sie erfolgreich manipulieren und meisterhaft zaubern” und verzichtet dafür auf den berühmten Untertitel und Erläuterungstext bis hin zur Nennung des Illustrators M. D. Smith. War das Ihre Entscheidung oder die des Verlages?

Der Verlag hat sich einen modernen und verkäuflichen Untertitel gewünscht, und ich habe einige Vorschläge gemacht. Das ist bei Sachbüchern nichts Ungewöhnliches. Das Vorwort von Martin Gardner hätte ich gern im Buch gehabt, aber das hätte eine Lizenzierung erfordert, während der reine Buchtext ja gemeinfrei ist.

Auf welche Schwierigkeiten sind Sie bei der Übersetzung gestoßen?

Das größte Problem ist natürlich, eine bereits vorhandene Fachsprache zu respektieren und das Buch dennoch für Einsteiger verständlich und lesbar zu machen. Liest man die grundsätzlich zwar meist positiven Rezensionen, ist Letzteres leider nur zum Teil geglückt. Dazu kommt die ewige Frage, inwieweit man englische Ausdrücke übernehmen muss. Ein Beispiel sind etwa „Shuffle“ und „Riffle“, bei denen es sich ja um unterschiedliche Techniken handelt, für die wir im Deutschen aber nur das Wort Mischen kennen.

Ich habe das Buch in der 2. Auflage 2019 gekauft. Können Sie mir sagen, wie hoch die Auflagen waren?

Nein, aber mich freut für den Verlag, dass es nachgedruckt wurde.

Ist der Experte am Kartentisch nach Ihrer Erfahrung in der Pokerszene bekannt und wird womöglich sogar gelegentlich zitiert oder diskutiert?

Das Buch ist meines Wissens in der deutschsprachigen Pokerszene völlig unbekannt, einige Tricks dagegen nicht. Zum Glück gibt es heutzutage Dealer, die in aller Regel nur vom Casino bezahlt werden und für einen geregelten Ablauf sorgen. Beschissen wird trotzdem, und natürlich wird ein Fall wie Phil Iveys Millionengewinn beim Baccarat, den er – vom Casino zugelassen! – mit mitgebrachten und gezinkten Karten erzielte, in der Szene und in der Justiz heftig diskutiert. Offenbar sind der menschlichen Fantasie da kaum Grenzen gesetzt.

Sehen Sie Parallelen zwischen Erdnases psychologischen Erkenntnissen zum richtigen Verhalten des (Falsch-)Spielers und heutigen Pokerspielern oder zu Tipps heutiger Poker-Autoren?

Auf jeden Fall. In der Pokerszene kursieren mehrere Bücher ehemaliger FBI-Profiler über sogenannte Tells (wieder so ein Anglizismus-Problem, für das es keine Entsprechung gibt). Diese beziehen sich aber nicht nur auf die Psychologie, sondern vor allem auf körpersprachliche Aspekte.

Was macht für Sie den Reiz des Buches aus, fast 120 Jahre nach der Erstausgabe?

Als passionierter Kartenspieler habe ich über die Vielfalt der Tricks gestaunt, die man mit einem klassischen Deck veranstalten kann. Natürlich habe ich auch einige Tricks nachgestellt und mir dabei fast die Finger gebrochen. 

Das kann ich gut nachvollziehen… Ganz herzlichen Dank für Ihre Antworten, Herr Vollmar, und weiterhin alles Gute!

(Interview: Jan Isenbart)

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Zum Interview mit dem ersten Erdnase-Übersetzer Christian Scherer geht es hier.

Noch mehr zu Erdnase in seiner eigenen Rubrik hier.

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