Im Interview: Helge Thun

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Ganz weg war ich nie

Hallo, Helge! Schön, dass ich dich gerade erwische, bevor du vielleicht bald schon wieder auf Tour durch die Bredouille bist… Wie bist du ins neue Jahr gestartet, und was steht bei dir zauberseitig demnächst so an?

Ins neue Jahr bin ich mit Bronchitis gestartet. Im Moment versuche ich mich an einem Theatermonolog übers Zaubern, der im Herbst Premiere haben soll, Arbeitstitel „Der verschwundene Mann“. Und Anfang nächsten Jahres plane ich zusammen mit Topas einen Zauber-Comedy Abend, „Funny Magic“.

„Er ist wieder da!“ – So beschrieben sinngemäß manche Beobachter deine Rückkehr in die Zauberszene im letzten Jahr: neues Soloprogramm, Branchenauftritte und die Video-Kolumne „Magische Monologe“ in der magie und im Genii Magazine. Hast du das selbst so erlebt oder gar forciert? Oder warst du eigentlich nie so richtig weg?

Ganz weg war ich nie. Vor allem mit den Fertigen Fingern und einigen anderen Kollegen hatte ich immer Kontakt. Aber dass mich das Zauberfieber wieder so heftig packen würde, hätte ich auch nicht gedacht. Das genieße ich sehr.

Du positionierst dich auf deiner Website mit dem Viersprung Comedy – Kabarett – Zauberei – Moderation. Steckt da irgendeine quantitative oder qualitative Wertung in dieser Reihenfolge?

Nein, wobei es momentan eigentlich Comedy, Zauberei und Impro heißen müsste. Vor allem Moderation mache ich kommerziell fast gar nicht mehr. Das kann ich zwar gut, aber die Vorbereitung nimmt mir einfach zu viel Lebenszeit.

Was ist eigentlich der große Reiz der Comedy-Szene für gelernte Zauberer? Und wo liegen aus deiner Sicht womöglich wesentliche Unterschiede?

Ehrlich gesagt besteht da für mich kein großer Unterschied, außer dass beim Zaubern noch das Trickhandwerk und das Staunen dazu kommen. Ansonsten sind die Mechanismen die gleichen. Der Aufbau, die Dramaturgie, die Überraschung am Schluss. Und ob es die nicht auflösbare Ambivalenz einer guten Pointe oder eines Zaubereffektes ist – im Gehirn der Zuschauer passiert das Gleiche. Und Zauberei ohne Humor ist genauso komisch – halt nur ungewollt.

Für mich lag der Unterschied eigentlich immer nur im Grad der Einschränkung bzw. der Freiheit was Themen und Inhalte angeht. Die Zauberei ist so dominant, dass der Effekt andere Inhalte immer überlagert. Ich kann mir noch so eine lustige Präsentation oder einen tiefgründigen Vortrag überlegen, am Ende beschäftigt doch alle nur, wie die Zeitung wieder ganz wurde oder der Ring in die Ananas kam. Aber in der Comedy, im Kabarett oder im Theater habe ich die absolute Freiheit über jedes Thema zu sprechen, das mich interessiert. Und darum geht es dann auch, und kein Trick lenkt davon ab.

Wie fügen sich für dich Theatersport und Improvisationskunst da noch mit ein?

Wie gesagt, für mich fühlen sich die Unterschiede nicht besonders groß an. Im Grunde ist es immer das Gleiche: Ich stehe auf der Bühne und bringe die Menschen zum Lachen und Staunen. Bei der Zauberei über den Effekt, bei der Comedy über die Gedanken und Pointen. Und bei Impro über die verblüffende Geistesgegenwart. In jede Sparte fließen bei mir auch die Erfahrungen aus den jeweils anderen Disziplinen ein. Die Offenheit und Bereitschaft zur Improvisation ist aber immer da und ehrlich gesagt das Wichtigste von allem! Nur dann ist man wirklich im Moment, und der Abend kann etwas Besonderes für Publikum und Künstler gemeinsam werden.

Deine „Magischen Monologe“ haben sicher viele Fans gefunden, aber hier und da offenbar auch Unverständnis hervorgerufen. Wie ist die Idee entstanden, und was war dir bei der Umsetzung besonders wichtig?

Ich habe die ersten drei Monologe für mein aktuelles Programm „TRiX“ geschrieben. Ich wollte den Zuschauern eine Ahnung davon vermitteln, was mich selber an der Zauberei fasziniert, ohne dabei langweilige Vorträge zu halten. So ist die Form entstanden: Gedanken, die sonst in einen Fachaufsatz oder philosophischen Essay gehören, mit den Mitteln der Comedy-Schreibweise kurz, prägnant und pointiert, aber hoffentlich trotzdem interessant umzusetzen. Als ich dann auf YouTube das Video „Invisible Dialogues“ von Derek DelGaudio gesehen habe, kam mir sofort die Idee, so etwas Ähnliches auch mit meinen Monologen zu machen.

Der filmische Aufwand, auch durch die Liebe zum Detail und Zwischenschnitt, erschien mir recht beträchtlich. Wie lange hat es gedauert vom ersten Skript bis zur fertigen Umsetzung?

Ehrlich gesagt ging das alles recht flott und aus der Hüfte geschossen. Mein Cousin Paul studiert gerade Mediengestaltung in Kiel und ist nicht nur ein guter Kameramann, sondern auch ein Technik-Nerd, ein guter Cutter und vor allem genauso offen und improvisationsbereit beim Filmen wie ich. Wir haben geschaut, dass wir eine fotogene und ruhige Location finden und haben ohne Plan losgelegt. Ein paar Ideen hatten wir vorher, aber vieles ist spontan beim Drehen entstanden. Da haben wir uns blind verstanden. Er wusste immer sofort, was ich will und umgekehrt. Meistens waren wir so vertieft, dass wir vergessen haben mittags was zu essen. Abends hat Paul dann schon den ersten Rohschnitt gemacht und wir hatten das Ding nach einem Tag im Kasten. Manchmal war dann der Aufwand noch etwas größer, weil noch Animationen dazu kamen. Aber da meine Frau Carolin Trickfilmerin ist und ihr Ex-Freund Erich unser Musiker, blieb auch das „in der Familie“.

Chapeau! An manchen Stellen hatte ich allerdings den Eindruck, dass das optische, magische Geschehen meine komplette Aufmerksamkeit bündelt und die Tonspur derweil ungehört weiterrauscht… ein Problem?

Klar! Aber das Gute an YouTube ist ja, dass man sich ein Video mehrmals anschauen kann. Also lieber schnell, kurz, inhaltlich überladen und visuell und sprachlich verschachtelt, als schön langsam und verständlich ausgebreitet. Lieber mehrmals schauen und Dinge entdecken, die man beim ersten Mal übersehen hat, als dass sich das niemand bis zum Ende anschaut.

Können wir uns irgendwann auch noch auf Outtakes oder gar weitere Folgen freuen? Und wo bleibt eigentlich nach mehreren Gedichtbänden dein erstes eigenes Zauberbuch?

Wenn mir mal wieder ein gutes Thema einfällt – vielleicht. Aber geplant habe ich erst mal keine weiteren Folgen. Buch kommt als Nächstes, aber da muss ich mich eher zwingen und quälen. Das war damals beim Buch der Fertigen Finger auch schon so. Aber mein Plan ist es, das bis FISM 2021 fertig zu kriegen.

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Da freuen uns doch schon drauf! 2019 war auch das Jahr des 25-jährigen Jubiläums der Fertigen Finger, das ihr in München gefeiert habt. Nach Thomas Fraps und Pit Hartling möchte ich auch dich noch dazu im besten Sportreporter-Duktus befragen: Helge Thun, wie hat sich das in dem Moment angefühlt?

Wie Heimat.

Was würdest du denn deinem 25 Jahre jüngeren Selbst aus heutiger Sicht gerne zurufen wollen? (Außer vielleicht „Augen auf bei der Berufswahl!“)

Mach weiter mit den Ziergriffen! Daraus wird mal eine eigene Kunstform!

Wie und wo könntest du dir denn das Jubiläum “50 Jahre Gichtige Griff Fertige Finger” vorstellen?

In einem dunklen Raum mit Scheinwerfern und Publikum.

Welche Frage wolltest du einem anderen Finger schon immer mal öffentlich stellen?

Keine offenen Fragen. Wir wissen alles voneinander.

Von Pit darf ich dir jedenfalls die folgende Frage übermitteln: „Wann geht es denn jetzt endlich mit unserer großen Vegas-Tour los? Viel Zeit haben wir nicht mehr!“

Vegas war mal. Wanne-Eickel heißt das neue Ziel!

Neben den Fertigen Fingern bist du ja auch Mitglied anderer langlebiger Kollektive, etwa bei der Comedy Stube oder bei deinen Duetten mit Heiner Kondschak und Udo Zepezauer. Bist du ein geborener Ensemble-Spieler? Oder dir vielleicht nur selbst allein auf der Bühne zu langweilig?

Beim Theatersport und als Schauspieler habe ich gelernt mit anderen zu spielen. Das war das Beste, was mir passieren konnte. Vor allem zu lernen, dass man selber am besten rüberkommt, wenn man versucht, die anderen gut aussehen zu lassen. Als ich mit Heiner Kondschak angefangen habe zu spielen, habe ich auf der Bühne in kürzester Zeit mehr über mich gelernt, als in all den Jahren zuvor. Seitdem versuche ich mir immer Kollegen zu suchen, die in irgendetwas besser sind als ich. Allerdings muss ich auch gestehen, dass ich eine Tendenz habe, mich immer wieder ungewollt in die Chefrolle zu manövrieren…

Jetzt wo du es sagst… Wie liefen eigentlich zum Jahresende in Tübingen die Werkstatt-Impro-Abende „zum gemütlichen Ausprobieren und fröhlichen Scheitern“ mit dir, einem Musiker und einem emeritierten Professor?

Das war Wohnzimmeratmosphäre mit Menschen und Dingen, die nicht zueinander passen. Wir haben gleich wieder ein paar neue Termine gemacht.

Welchen großartigen Künstlernamen hättest du dir beinahe einmal gegeben?

Helgini Thunino.

Das hätte was werden können! Bitte kommentiere jetzt noch die folgenden Namen und Begriffspaare möglichst kurz und knackig:

Heinz Erhardt oder Joachim Ringelnatz?

Heinz Erhardt, Robert Gernhardt und Erich Kästner.

Gut singende Zauberer: Topas oder Desimo?

Singen: Topas. Pferdedressur: Desimo.

Das Udo oder das Biest?

Äpfel und Birnen.

Jan Böhmermann oder Jan Logemann?

Logemann, ist doch klar! Alleine schon wegen der Fernsehsendung.

Sudhaus in Tübingen oder Magic Castle in Hollywood?

Sudhaus. Hat mehr Glamour.

Münzen oder Karten?

Becher. Nee, Münzen. Nee, Karten. Nee, Becher. Nee, Münzen. Nee, Karten…

Anzug oder Hawaii-Hemd?

Anzug mit Hemd auf Hawaii.

Was reimt sich eigentlich gut auf „Eutin“ (außer „Bilbo Beutlin / fährt noch heut‘ hin“) und „Tübingen“ (außer „trüb‘ Dingen“)?

Nichts, was den Aufwand lohnt.

Zum Abschluss: Schenkst du uns bitte noch einen gepflegten Vierzeiler? Gerne auch mit aktuellem Bezug, etwa zu Greta oder den Ehrlich Brothers…

Also Ehrlich sind die Brothers
Greta than the others.
Afterthought (nur etwas später):
Some others are noch Greta.

(Andächtiges Schweigen.) Das lassen wir jetzt einfach mal so im Raum schweben… Ganz herzlichen Dank, Helge, für deine Zeit, und weiterhin toi toi toi, wie der Schwede sagt!

(Interview: Jan Isenbart)


Hier beispielhaft der letzte von Helges zehn Magischen Monologen:

Und hier geht es zu Helges Website!


Alle weiteren Interviews − u.a. mit den Fertigen Fingern Pit Hartling und Thomas Fraps − finden sich gleich hier.


 

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