Agenda 2020: Vorstandsvorlage – vertraulich!

Einleitung

In organisierten Zauberkreisen macht man sich keine Illusionen über die Zukunft. Entsprechend muss diese „gesichert“ bzw. unser Verein für dieselbe „fit gemacht“ werden, um es in den beliebten Phrasen der Politiker auszudrücken. Im Rahmen der schon länger diskutierten clubeigenen „Agenda 2020“ wurde zuletzt ja nicht nur über die Herabsenkung des Eintrittsalters auf null Jahre und die Möglichkeit zum Vereinsbeitritt auf Lebenszeit (gegen Vorkasse) gerungen. Der Vorstand hat zudem anlässlich seines 100. Geburtstages eine Zukunftskommission berufen. Dieses elfköpfige sogenannte Prediction Board unter dem Vorsitz von A. Priller und K. Lauer legt nun nach mehrjähriger Arbeit seine ebenso hintergründigen wie nachhaltigen Vorschläge dem Vorstand zur Beratung vor. Wenn dieser hierfür grünes Licht gibt, wird auf der nächsten Mitgliederversammlung einstimmig über diesen Kodex abgestimmt.

Nachfolgend unkommentiert die spannenden – und teilweise radikalen – Empfehlungen der Zukunftskommission, in dem sicheren Bewusstsein, dass die magische Welt schon in Kürze anders aussehen kann und über die nächsten Monate gewiss noch erheblicher Diskussionsbedarf unter den Mitgliedern entstehen wird.


Soziale Verantwortung, Anti-Diskriminierung,

ökologische Nachhaltigkeit und Ethik

in der Zauber- und Vereinspraxis

Positionspapier für einen künftigen Verhaltenskodex
der Vereinsmitglieder
(„Agenda 2020“)

– Entwurfsfassung vom 01.04.2015 –


Präambel

Der Verein bekennt sich umfassend und vorbehaltlos zu einer zeitgemäßen Vereinspolitik und damit zu einem Vereinsleben, in dessen Zentrum neben gelebter Kameradschaft und der Ausübung und Pflege der Zauberkunst gleichberechtigt die konsequente Wahrnehmung unserer sozialen wie ökologischen Verantwortung steht. Dies schließt den Schutz von Tieren und Minderheiten ebenso ein wie das ethische Gebot zur Ehrlichkeit und Transparenz in Fragen der Täuschung sowie die Verpflichtung zu einer ressourcenbewussten und rückstandsfreien Zauberkunst, die insbesondere der Jugend gegenüber jederzeit eine Vorbildfunktion übernimmt.

Der nachfolgende Verhaltenskodex ergänzt die Vereinssatzung entsprechend und dient den Mitgliedern gleichermaßen zur Orientierung wie als verbindliche Handlungsanweisung.

§1 (Soziale Verantwortung)

(1) Alle Tricks mit Tieren, ob lebendig oder tot, werden geächtet und sind zu unterlassen. Als Vorbild Kindern gegenüber gilt dieses Verbot vorbeugend auch für die Verwendung von Spielzeugtieren und Tierbildern aller Art, wie etwa bei den „Canary Cats“ oder der Häschenburg. Der Eierbeutel darf eierlos weiterhin vorgeführt werden.

(2) Alle Tricks mit Alkohol, Zigaretten, Zucker und anderen Rauschmitteln, die ein Potenzial zur Abhängigkeit aufweisen (etwa Faros oder Threads), werden geächtet und sind zu unterlassen. Kunststücke wie die Flaschenwanderung, die Flaschenvermehrung, die Tipsy Turvy Bottle etc. dürfen ausschließlich mit Flaschen bzw. Getränken vorgeführt werden, die alkoholfrei und zuckerfrei sind und im Idealfall als Bioprodukte (Bio-Milch, Soja-Limonade etc.) gekennzeichnet sind. In Requisiten vorhandene etwaige Restalkohol-Mengen sind unverzüglich zu vernichten oder alternativ dem Vereinsvorstand zur sachgerechten Entsorgung zuzuführen. Die Vorführung des Klassikers „Milk Wonder“ gilt bis auf Weiteres als unbedenklich. Das Wasser in Ganga-Krügen und Lota-Vasen ist mehrmals zu verwenden. Im Kinderprogramm ist die „Kuchenbäckerei“ zuckerfrei vorzuführen.

§2 (Anti-Diskriminierung)

(1) Der Vereinsvorstand ernennt eine/n Beauftragte/n für Anti-Diskriminierung in allen magischen Belangen und für die Gleichstellung der Geschlechter im Besonderen. Ihm/ihr obliegt insbesondere die Überwachung von Wettbewerben und Galas sowie von Trickveröffentlichungen.

(2) Bei Wettbewerben und Galas ist streng darauf zu achten, dass männliche und weibliche Vorführende im Verhältnis von 1:1 auftreten. Stehen zu wenige qualifizierte Frauen zur Verfügung, müssen männliche Zauberer bis zur Erfüllung der 50-Prozent-Quote in Frauenkleidern auftreten oder wenigstens unter Verwendung typisch weiblicher Accessoires und Gesten zaubern. Die eigene Körperbehaarung darf jedoch erhalten bleiben.

(3) Weiterhin ist zu beachten, dass ebenso viele Assistentinnen von Zauberern wie Assistenten von Zauberinnen auftreten. Dies gilt insbesondere bei Schwebe- und Zersäge-Illusionen. Um dem/der Beauftragten und den Betroffenen unzumutbare Kontrollen vor Ort zu ersparen, gilt in jedem Fall das in der Geburtsurkunde eingetragene Geschlecht.

(4) Illusionisten müssen schon während der Proben den/die Beauftragte/n zu einem technischen Boxenstopp aufsuchen, damit die Eignung verborgener Hohlräume in Trickapparaturen zur vorübergehenden Unterbringung von Assistenten/innen überprüft werden kann. Ist darin eine Aufenthaltsdauer von über 30 Sekunden vorgesehen, muss eine ausreichende Versorgung mit Licht, Frischluft, Kissen und Erfrischungen gewährleistet sein.

(5) In Trickveröffentlichungen sind alle Mitglieder verpflichtet, insbesondere bei Kartenkunststücken eine Gleichbehandlung zwischen den Damen des Spiels einerseits und Buben/Königen andererseits in Effekt und Trickhandlung sicherzustellen. [Hinweis: Über den Antrag aus Köln, die Buben in der offiziellen Kartenterminologie in „rosa Jungs“ umzubenennen, entscheidet der Vorstand gesondert.]

(6) Jede Diskriminierung von Minderheiten – auch in verbaler Form – ist unbedingt zu unterlassen. Dies gilt vor allem für besonders schutzwürdige Gruppen wie zaubernde Hausfrauen, Wettbewerbs-Preisträger, alternde Profis und junge TV-Mentalisten. Der bekannte Baby-Gag ist ab sofort verboten.

§3 (Ökologische Nachhaltigkeit)

(1) Zu unterlassen sind alle Tricks, die unverantwortlichen Raubbau an der Natur fördern und ohne Chancen auf nachhaltigen Ausgleich im Öko-System sinnlos Rohstoff-Ressourcen vernichten, also Zeitungszerreißen, Seilzerschneiden, Schneesturm in China, Paperballs over the Head, Salzfinale, Tricks mit Konfetti etc. Gleiches gilt für das unbedachte Beschreiben, Falten und Zerreißen von Spielkarten, sofern diese nicht wieder vollständig und rückstandsfrei restauriert werden. Als Anreiz zur Programmumstellung wird bei den Meisterschaftswettbewerben des Vereins die neue Sparte „Alternative Magie“ eingeführt.

(2) Die Mitgliederzeitschrift MAGIE erscheint ab 2020 nur noch elektronisch, übergangsweise auf zu 100 Prozent recyceltem Umweltpapier und schließlich mit zu 100 Prozent recycelten Beiträgen, die gänzlich rückstandsfrei zu lesen sind.

(3) Zauberkoffer, -schränke und -keller sind von den Mitgliedern mindestens einmal jährlich verantwortungsbewusst zu sichten und zu räumen und Alttricks nach Maßgabe des Dualen Magischen Systems (schwarze Säcke für nie vorgeführte Tricks, gelbe Säcke für nie ausgepackte) umweltgerecht zu entsorgen. Tricks von Werry und Tenyo dürfen in haushaltsüblichen Mengen als Kuriositäten aus dem Kunststoff-Zeitalter unbefristet aufbewahrt und umweltschutzabgabefrei vererbt werden.

(4) Auftritte erfolgen wo immer möglich in strapazierfähiger Alltagskleidung, ungebügelten Hemden oder Blusen (jeweils maximal bei 30 Grad gewaschen) und Birkenstock-Sandalen. Standardrequisiten werden ab 2020 nur noch aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Für FISM-Wettbewerbe gilt jedoch ein Moratorium bis 2032. Jute löst Seide ab, die Produktion von Glimmerfolie wird weltweit aufgrund gesundheitlicher und ökologischer Bedenken eingestellt und durch ein natürliches Hanf-Dekor abgelöst. Zauberstäbe, Becherspiel-Becher etc. werden ab 2020 nur noch aus unbehandeltem Naturholz hergestellt. [Hinweis: Für das Ringspiel steht eine entsprechende Materialprüfung auf Eignung derzeit noch aus. Ggf. wird künftig direkt beim Kauf eine Entsorgungspauschale miterhoben.]

(5) Über eine Abwrackprämie für Altillusionen, insbesondere solche mit Bleiplatten und hohem Eisenanteil entscheidet der Vorstand zu gegebener Zeit gesondert. Stahlplatten sind jedoch in jedem Fall ab 2020 durch unbehandelte Holzbrettchen zu ersetzen. Es wird eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um die Eignung von natürlichen Rohstoffen wie Hanf für den Illusionenbau gründlich zu prüfen.

(6) Für alternde Zauberer und Assistentinnen wird grundsätzlich keine Abwrackprämie gewährt.

§4 (Energie-Effizienz)

(1) Der Verein bekennt sich zum Stromsparen. Bis 2020 soll der Energieverbrauch aller Lichtquellen bei Zirkel-Veranstaltungen um mindestens 60 Prozent reduziert werden. Wo immer möglich, sind z.B. Disco-Strahler durch Kerzen und Verfolger durch Taschenlampen zu ersetzen. Tricks mit Leuchtröhren, Glühbirnen und anderen Leuchtmitteln können nur weiter vorgeführt werden, wenn diese durchweg durch Energiesparlampen ersetzt werden. Überflüssige Energiefresser wie Trockeneis-Maschinen, Hebevorrichtungen, Fernsteuerungen, elektronische Hilfsmittel für Mentalisten etc. werden ab 2012 geächtet. [Hinweis: Für etwaige Benefiz-Auftritte von Mr. Electric erteilt der Vorstand auf Antrag eine Ausnahmegenehmigung.]

(2) Mittel- bis langfristig strebt der Verein eine zu 100 Prozent ausgeglichene Energiebilanz an. D.h., was an Energie in ein Projekt hineingesteckt wird, soll auch am Ende wieder herauskommen. Reibungsflächen sind entsprechend abzuschaffen und Geistesblitze ebenso zu vermeiden wie helle Aufregung.

§5 (Ethik der Täuschung)

(1) Auf jeglichen Einsatz eingeweihter Zuschauer oder heimlicher Helfer ist zu verzichten. Über unabdingbare Ausnahmen – etwa für die Teilnahme an Fernsehsendungen oder internationalen Wettbewerben – entscheidet der Vorstand auf Antrag mit einfacher Mehrheit.

(2) Vorsätzliche Täuschungen von Mitmenschen entsprechen auch dann nicht mehr dem herrschenden Menschenbild des 21. Jahrhunderts, wenn sie zu Unterhaltungszwecken vorgenommen werden. Zuschauerinnen und Zuschauer sind daher vor, während und nach jeder Zaubervorstellung optisch und akustisch in angemessener Form darauf hinzuweisen, dass sie getäuscht werden bzw. wurden. Dieser verbindliche Pflichthinweis sollte etwa wie folgt lauten bzw. sinngemäß abgewandelt werden:

„Dieses Zauberprogramm enthält zu Unterhaltungszwecken Täuschungen Ihrer Wahrnehmung und Ihres Denkens. Auch sagt der/die Künstler/in nicht unbedingt immer die Wahrheit. Und er/sie heißt in Wirklichkeit auch nicht ‚X–ini’ [hier Ihr Künstlername] und hat im Übrigen noch gar keine wichtigen Preise gewonnen.“

Kommen Internetseiten, Programmheft und/oder Plakate zum werblichen Einsatz, haben diese ebenfalls den o.g. Pflichthinweis in gut lesbarer Schriftgröße zu enthalten.

(3) Aus demselben Grund ist die Verwendung altertümlicher Zaubersprüche oder Beschwörungsformeln wie „Abrakadabra“, „Hokuspokus“ oder „Simsalabim“ einzustellen. Stattdessen sind zeitgemäße Ausdrücke und Redewendungen wie z.B. „Ta-Daa!“, „Cool, was?“ oder „Voll krass, `ne?“ anzuwenden.

(4) Im Einklang mit der kommenden EU-Transparenz-Richtlinie, laut derer alles und Jede/r im Internet zu finden sein muss, hat der/die Vorführende sicherzustellen, dass seine/ihre Tricks für Mitmenschen, die nach Vervollkommnung ihres Wissens streben oder ihre Persönlichkeit in diese Richtung weiterentwickeln wollen, im Internet gut auffindbar, leicht verständlich und detailliert beschrieben sind, nach Möglichkeit unter Heranziehung von Fotos oder Konstruktionszeichnungen und versehen mit spezifischen Quellenangaben und Original-Vortragstext.

Schlussformel

Dieser Kodex muss – wie alle Gesetze und Regeln – von den Mitgliedern auf der Basis von Freiwilligkeit und Einsicht gelebt werden. Man will ja schließlich niemanden bevormunden!

 

Sitzungsprotokolle und Entwurf: Jan Isenbart


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